Dorfläden Kaufen im Ort

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Die Dorfläden verkörpern ein besonderes Format und eine Einkaufskultur der anderen Art auf kleiner Fläche. Manchmal haben sie aber auch ihre Schattenseiten.

Erfolgs- oder Auslaufmodell? Die kleinen Flächen im LEH schmelzen weiter ab, die Lücken in der Nahversorgung werden größer. Vielen kleinen Ortschaften im ländlichen Raum, aber zunehmend auch Stadtteilen am Rand größerer Städte, fehlt die Einkaufsmöglichkeit für Lebensmittel. Dies ist wichtig, insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, mit einer steigenden Zahl immobiler Menschen. „Der Bedarf ist da,“ wie Rainer Utz, Geschäftsführer der gleichnamigen Großhandlung, konstatiert. „Die Bürger wollen den Dorfladen, die kommunalen Entscheidungsträger möchten ihn den Bürgern bieten.“ Auch Wirtschaftsexperten sehen gute Perspektiven für die neue Generation. Ein weiteres Indiz dafür könnte sein, dass innerhalb des Dorfladen-Netzwerks, einem Zusammenschluss ähnlicher Objekte in Deutschland, die Gründung einer „Bundesvereinigung multifunktionaler Dorfläden e.V.“ (BmD) geplant wird.

Vielleicht etwas nüchterner sieht es Sascha Jost. Der Leiter Projektmanagement und Mitgliederservice beim Handelsverband Württemberg e.V. in Stuttgart: „Wo die Wirtschaftlichkeit gegeben ist, hat der Dorfladen in jedem Fall eine Chance. Von einer flächendeckenden Renaissance dieses Formates in Baden-Württemberg ist aber unseres Erachtens nicht auszugehen. Zumal zwischenzeitlich auch andere Konzepte zur Verbesserung der Nahversorgung eine verstärkte Akzeptanz erfahren.“ Als Beispiele nennt Jost ehrenamtlich betriebene Bürgerbusse oder mobile Versorger.

Der Dorfladen ist vielerorts ein emotional aufgeladenes Format, insbesondere wenn Bürgerinitiative dahinter steckt. Er ist Kommunikations- und Einkaufsstätte in einem. Aber er siedelt in einer hochverdichteten Handelslandschaft, und er wird gemessen an Discountpreisen und an der Warenvielfalt der Vollsortimenter. Da ist nicht mitzuhalten. Und die Nähe der Einkaufsstätte kann nicht unbedingt mit hoher Akzeptanz gleichgesetzt werden. Die Kaufkraftabschöpfung im Ort über 35 Prozent zu bringen, ist nicht so einfach, wie auch Manfred Sattler, Betreiber der Klieburg-Scheune erfahren hat. Und die Bürger mit Genossenschaftsanteilen seien nicht so sehr auf ihren Laden fixiert, dass man von einer grundlegenden Veränderung des Kaufverhaltens reden könnte, erklärt ein Insider der Nahversorgung.

Fotos: Dorfladen-Netzwerk Stadler, Pütthoff


Etwas anders seien die Gegebenheiten bei den bürgerschaftlich aufgestellten Läden, erklärt Günter Lühning, Vorsitzender Dorfladen Otersen w.V. und Sprecher des Dorfladen Netzwerks. „Hier ist Auskömmlichkeit das Geschäftsprinzip.“ Die Rendite stehe nicht im Vordergrund. Die sei in Otersen und den meisten anderen Bürgerläden nicht in Euro zu messen, sondern in Lebensqualität für die Menschen und die Zukunftsfähigkeit des Dorfes. In Otersen habe man bis zum sechsten Jahr mit leichtem Verlust und im siebten mit einem leichten Überschuss von rund 1 Prozent des Umsatzes abgeschlossen. Nach seinen Erfahrungen sollte im dritten, spätestens im vierten Jahr die schwarze Null erreicht werden.

Wesentlich ist für Jost die wirtschaftliche Tragfähigkeit. Sehr hilfreich sei schon, wenn die Räumlichkeiten Eigentum und nicht angemietet seien. Unterstützung bei den Mietkosten bzw. durch Bereitstellung von Räumlichkeiten sollten daher unbedingt bei der Kommune nachgefragt werden. Ebenso essenziell sei die Unterstützung durch einen leistungsfähigen Großhandelspartner. Vor diesem Hintergrund seien auch mögliche Serviceleistungen zu bewerten. „Sobald für die Zusatzleitung mehr Personal eingestellt werden muss oder zusätzliche Räumlichkeiten angemietet werden müssen, steht die Wirtschaftlichkeit schnell in Frage – dies, da die Serviceleistungen häufig den Charakter eines Ergänzungsangebotes bzw. Frequenzbringers haben, ohne einen großen Beitrag zum Gesamtergebnis beizusteuern“, erklärt Jost. Andererseits könne die Identifikation mit der Verkaufsstelle sowie die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement Entlastung bei den Personalkosten bringe n.

Beim Dorfladen in Otersen bekommen nicht im Lebensmittel-Einzelhandel ausgebildete Kräfte einen Stundenlohn von 8 bis 9 Euro. Wie Mitarbeiterinnen aus eigener Erfahrung berichteten, sei das mehr als bei einigen Discountern. Bei gut 50 Stunden Öffnung werden 95 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit kalkuliert. Bei geringer Frequenz reicht eine Kraft, ansonsten seien zwei aktiv.

Im niedersächsischen Otersen kaufen überwiegend ältere Dorfbewohner ein, aber zunehmend auch Familien und junge Erwachsene. Sonst würde der Laden bei nur 500 Einwohnern keinen Jahresumsatz von 375.000 Euro schaffen und rund 35 Prozent der Kaufkraft für Lebensmittel binden. Ein Durchschnittsbon von 8,30 Euro zeige darüber hinaus, dass nicht der Vergesslichkeitseinkauf überwiege. Wichtige Parameter für den Erfolg sind: die Qualität der Dorfgemeinschaft, dass die Leute dem Leitsatz folgen „Wer weiter denkt, kauft näher ein“, ein attraktives Sortiment mit wahrnehmbarer Frischeorientierung, Service- und Dienstleistungen, Engagement und Herzlichkeit der Mitarbeiter. Auf rund 200 Standorte schätzt Lühning den Bestand der bürgerschaftlich organisierten Dorfläden. Die ersten ihrer Art (Dorfläden – von Bürgern für Bürger) wurden vor rund 20 Jahren vornehmlich in Bayern und Niedersachsen gegründet. Alternative Nahversorgungskonzepte finden sich heute v or allem in Bayern, Baden-Württemberg (etwa Um’s Eck) und Schleswig Holstein.

Fotos: Dorfladen-Netzwerk Stadler, Pütthoff


Existenzgründer können je nach Bundesland auf verschiedene Fördermöglichkeiten zurückgreifen. Z.B. kann im Ländle bei der Landesbank BW, teilweise in Kooperation mit KfW, ein zinsverbilligtes Gründungsdarlehn beantragt werden. Die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg übernimmt hierbei eine Ausfallbürgschaft in Höhe bis zu 80 Prozent der Kreditsumme. Der bürokratische Aufwand hält sich dabei tatsächlich in Grenzen. Gefördert durch das Land Baden-Württemberg werden auch Beratungen, z. B. durch die Unternehmensberatung Handel, eine Tochter des Handelsverbandes Baden-Württemberg. Der hat gemeinsam mit dem Finanz- und Wirtschaftsministerium des Landes einen Leitfaden zur Nahversorgung aufgelegt.

Der Dorfladen wird niemals ein Konsumtempel, aber immer eine besondere Spezies sein. Er kann freiwerdende Standorte besiedeln, funktioniert allerdings nur bei entsprechenden Voraussetzungen. Wer erinnert sich noch an einen gewissen Rudolf Haberleitner und sein ambitioniertes Projekt „Daily“ als Schlecker-Nachfolger und Revolutionär der Nahversorgung? Daily steht u.a. für die engen Grenzen der Wirtschaftlichkeit in der Nahversorgung, sofern man überhaupt von einem Start des Konzeptes in Deutschland reden konnte.

Schwer einschätzbar sind die Einflüsse des Online-Handels auf die Nahversorgung im ländlichen Raum. Derzeit fokussieren die „Onliner“ sich überwiegend auf die Ballungsräume. Bei der Grundversorgung in kleineren Ortschaften kann man die Akzeptanz bislang noch in Zweifel ziehen. Vor allem die kommunikative und soziale Komponente des Einkaufens fällt weg. Das gilt ebenso für den mehr oder weniger kontaktarmen Einkauf im Discounter, der vor wenigen Jahren als Nahversorger der Zukunft wegen der weiteren Verdichtung prognostiziert wurde. Aber es gibt Dinge, die nur ein Dorfladen bietet und der damit seine Einzigartigkeit untermauert, wenngleich auf kleiner Basis.

Fotos: Dorfladen-Netzwerk Stadler, Pütthoff


Tipps
  • Ein Dorfladen funktioniert nur mit einer festen Gemeinschaft.
  • Wichtig sind auf den Standort angepasste Sortimente und Serviceleistungen. Idealerweise als Zentrum für regionale Produkte.
  • Kleinere Gebinde, weil viele ältere, alleinlebende Kunden.
  • Das Personal sollte aus dem Ort stammen.
  • Standort am besten in der Ortsmitte, an der Durchgangsstraße.
  • Ausreichend Parkplätze, um auch am Außer-Haus-Verzehr (Frühstück- und Mittagessen) zu partizipieren.
  • Möglichst barrierefreier Zugang, weil ältere und immobile Menschen das Gros der Kundschaft bilden.
  • Integration des Dorfladens mit Festen und Events.
  • Kostendeckung sollte das Ziel sein.
  • Argumentation: 20 km Fahrt bei 50 Wochen/Jahr kosten 300 Euro.