Mystery Shopping Abenteuer: Gastro-Alltag in Tankstellen

Was ist Sache bei der gastronomischen Entwicklung der Tankstellen-Bistros? Und wie sieht es in der Praxis aus? Das haben sich Gas-tronomieexperte Oliver Merches und CS-Chefredakteur Hans Jürgen Krone gefragt und für diese Gastro-Edition an einem Tag angesehen. Ein Erfahrungsbericht.

Mittwoch, 16. September 2026, 06:22 Uhr
Artikelbild Abenteuer: Gastro-Alltag in Tankstellen
Bildquelle: Oliver Merches

In dem, was in Tankstellen-Shops theoretisch zu geschehen hat, sind sich inzwischen viele einig: eine Transformation in Richtung Gastronomie. Doch ist davon auch in der Praxis schon etwas zu spüren? Das wollte CS im Rahmen eines Tests – zwar nicht repräsentativ aber sehr persönlich aus erster Hand und mit fachkundiger Unterstützung – erfahren. Einen ganzen Tag lang fuhr deshalb CS-Chefredakteur Hans Jürgen Krone durch Köln und Umgebung, begleitet von dem Gastronomieexperten und Berater Oliver Merches. Ziele waren Tankstellen unterschiedlicher Farben und Größen.  Eine Momentaufnahme, natürlich. Nicht mehr aber auch nicht weniger. „Obwohl ich mir immer viel vor Ort ansehe, war es auch für mich ungewöhnlich, diese Angebote der Convenience-Gastronomie so geballt, ungefiltert und intensiv zu erleben“, sagt Oliver Merches. Doch was die beiden während des Tages in der C-Gastronomie an Tankstellen erlebten, war alles in allem wohl „gelinde gesagt ernüchternd“ und das aus ganz unterschiedlichen Gründen. Dabei ist es auch wichtig zu sagen: Natürlich sind die Stationen der großen Marken alle bereits auf gastronomische Themen geeicht. Die Trennungslinie zwischen guter und schlechter Performance, so wurde in dieser „Bitzer-Aktion“ deutlich, verläuft dennoch allerdings keineswegs an der Grenze zwischen großen Marken und Kleinen und Freien:

Kaffee klappt

Etwas Positives vorweg: Kaffee in jeglicher Form, vom einfachen Espresso bis zum Latte Macchiato, funktioniert in den Tankstellen. Er kommt To-go oder To-sit, heiß und schnell. Milch oder Pflanzliches, Zucker oder Süßstoff, alles da. Irgendwelche lauwarmen Kanneninhalte: Fehlanzeige. Aber auch kaum Kauf-Anregungen in Richtung Aktionen, Bundles etc. Ein ziemlich wildes Durcheinander bei den Preisen, was dem Gast aber wohl nur bei so vielen Besuchen hintereinander auffällt.

Einrichtung und Aufenthaltsqualität

Auf diesem Gebiet hat sich durchaus viel getan: von professionellen Öfen über attraktive Kühltheken bis hin zu modern designten Tischen und Stühlen oder Barstühlen mit kleinen Tresen an den Fenstern zum Forecourt, war alles dabei. Hier haben die Partner und Dienstleister oft ganze Arbeit geleistet. Die Nutzung und Pflege der einzelnen Elemente steht auf einem anderen Blatt. Die Bistro-Tische etc. präsentierten sich einladend, wenn auch an der einen oder anderen Stelle trotz vorhandenen Personals, nicht sehr für Sauberkeit und gegen Krümel etc. gearbeitet wurde. Hier und da fehlte es aber auch an klaren Zeichen dafür, wohin mit den Abfällen.

Speisekarten

„Das Gastro-Angebot der besuchten Stationen zeigt sich weitgehend austauschbar“, ist Oliver Merches enttäuscht. Meistens geht es kaum über die üblichen Backwaren – ob pur oder belegt etc. – hinaus. Dass vieles, was die beiden Tester an diesem Tag verzehrten, nicht als Top-Qualität zu erleben war, mag an der Qualität der Ware oder dem falschen Handling liegen. „Zu keinem Zeitpunkt an diesem Tag und in keinem Shop haben wir einen mit Backwaren bestückten Ofen im Einsatz erlebt“, war Merches überrascht. Die Zubereitung belegter Snacks, konnte man nur einmal sehen. Nicht verheimlichen wollen wir die Geschichte eines Shop-Mitarbeiters einer Marken-Station, der uns in einem kleinen Plausch stolz erläuterte, die belegten Snacks würde nicht den ganzen Tag in der Kühlvitrine liegen: Die Nachschicht mache sie um fünf Uhr morgens fertig. Und was dann um 22 Uhr nicht verkauft sei, werde entsorgt oder an Good To-Go weitergeben! Ob dieser 17-Stunden-Challenge waren Merches und Krone schon sprachlos. In einigen Stationen gab es dann doch auch andere Snacks, von derr Pizza bis zum Eintopf oder  Currywurst in unterschiedlichen Qualitäten, Angebote für einen richtigen „Mittagstisch“ auf Tafeln, aber auch kühle Salat-Kreationen und Frische Salate in appetitlichen Bowls, auch zum Mitnehmen. Dazu süße Backwaren wie Kuchen, Waffeln, Donuts und Nussecken in Bäckereiqualität. Allerdings blieben sie die Ausnahmen. Offerten für gesündere Snacks und Ernährung: eher weitgehend Fehlanzeige.

Personal und Services

Die Mitarbeiter zeigten sich in der Regel durchaus zugewandt und auch „plauderfreudig“. Allerdings blieben eine Reihe von Fragen, die beispielsweise Merches unauffällig stellte, unbeantwortet: Wo sind die Snacks her, wo werden die zubereitet? Auch die Marken der Bowls in einigen Frischetheken, waren den Mitarbeitern unbekannt. Hier und da hatte man auch den Eindruck, dass Kunden, die etwas anderes wollen, statt das Tanken zu bezahlen, wofür man sich vom Kassenplatz wegbewegen musste, eher lästig sind und dann „gerne“ auch noch etwas länger warten können. Eine durchaus positive Erfahrung gab es mit einigen älteren Damen, die in den Bistros als Mitarbeiterinnen eingesetzt werden und das Essens-Geschäft sehr schnell, nett und glaubwürdig vertreten, auch wenn sie hier und da von jüngeren Kollegen etwas Hilfe, beispielsweise bei der Kaffeemaschine benötigen. 

Frische und Zubereitung

Zum Thema Frische und Zubereitung gab es an diesem Tag nur in den wenigsten Shops etwas zu erleben. Das mag sicherlich auch daran liegen, dass es die eine oder andere Vorbereitungsküche gibt. Eine erfahrene Mitarbeiterin beim Zubereiten der Snacks zu sehen, war durchaus eine positive Erfahrung, die die Kundschaft aber wohl zu selten macht. Das gilt auch für einen appetitlichen Duft der Zubereitungen aller Art, die Krone Merches, wie bereits gesagt, an diesem Tag nicht registrieren konnten.

Tankstellen-Timing

Der Tag in Köln hat auch gezeigt, dass die neue Regel zu Preiserhöhung bis zwölf Uhr die Situation in den Stationen verändert hat. Vor allem bezüglichen der Kundschaft, die gerne das Tanken und ihre Mittagspause miteinander verbunden habt. Laut Mitarbeitern, sorgt der starke Andrang am späten Vormittag dafür, dass etwas längere Wartezeiten bestehen und es die Kunden im Shop dann meist eilig haben. Wenn die Kasse, an der fürs Tanken kassiert wird, nicht mal in unmittelbarer Näher der Gastro-Vitrinen platziert ist, werden kaum Impulse ausgelöst. Traurig zu sehen, dass dann von zwölf bis 14 Uhr, zur besten Gastro-Zeit, oft Leere herrscht. Danach normalisiert sich die Situation wieder etwas, aber das Mittagsgeschäft ist durch. „Vielleicht sollte man beispielsweise die Stunde von elf bis zwölf Uhr als Happy Hour für Snacks ausrufen, um die Situation etwas zu entschärfen und zu Zusatzumsätzen zu kommen“, meint Krone.

Merches‘ Fazit:

„Unser Praxistag war bewusst nur eine Momentaufnahme und erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität. Gerade deshalb war er für mich ausgesprochen aufschlussreich. Wir haben gesehen, was ein normaler Kunde in genau diesem Moment erlebt. Mein Eindruck ist dabei keineswegs nur negativ. Im Gegenteil: Viele Voraussetzungen für eine erfolgreiche Tankstellengastronomie sind vorhanden: gute Standorte, Frequenz, moderne Technik, attraktive Shop-Flächen und ein funktionierendes Kaffeeangebot. Was vielfach noch fehlt, ist die konsequente gastronomische Übersetzung. Das größte Potenzial sehe ich weniger in weiteren Investitionen in Hardware und mehr in der operativen Exzellenz: differenziertere Sortimente, sichtbare Frische und Zubereitung, eine Steuerung nach Tageszeiten, stärkere Verkaufsimpulse sowie Mitarbeiter, die Gastro verstehen und glaubwürdig leben. Die Tankstelle der Zukunft wird aus meiner Sicht zunehmend auch ein gastronomischer Standort sein. Entscheidend wird sein, aus vorhandener Frequenz zusätzliche gastronomische Frequenz und Wertschöpfung zu entwickeln. Unser Spotlight hat gezeigt: Die Voraussetzungen sind vorhanden – das Potenzial ist aber vielerorts noch längst nicht ausgeschöpft.“