Geschmack ist bei E-Zigaretten kein Nebenthema, sondern ein zentraler Nutzungsgrund. Wenn Konsumenten ihre gewohnten Produkte nicht mehr legal bekommen, werden viele nicht automatisch auf unattraktivere Alternativen wechseln“, sagt der Vorsitzende des Bündnisses für Tabakfreien Genuss im Interview mit CS. Er warnt vor einem Verbot von zwölf Kühlstoffen sowie dem Süßungsmittel Sucralose in Liquids für E-Zigaretten. Dieses werde dem Jugendschutz schaden sowie den Schwarzmarkt wachsen lassen – mit negativen Folgen für den legalen Handel.
Die öffentliche Diskussion um ein Verbot bestimmter Aromen und Kühlstoffen für Vapes ist erneut aufgeflammt. Anlass waren Zahlen des Statistischen Bundesamts und des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit. Danach stieg der Anteil jugendlicher Raucher. Wir stellten dazu Dustin Dahlmann, Vorsitzender des Bündnisses für Tabakfreien Genuss, einige Fragen. Es vertritt Interessen von Unternehmen rund um die E-Zigarette. Dahlmann fordert „legale Alternativen zur Zigarette differenziert“ zu regulieren. Sowie „verhältnismäßige Produktregeln, realistische Übergangsfristen, eine maßvolle Besteuerung und konsequente Marktüberwachung“.
Convenience Shop: Herr Dahlmann, der Markt für E-Zigaretten und Vaping-Produkte ist 2025 laut BfTG um 25 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro gewachsen. Welche Bedeutung hat diese Warengruppe aus Ihrer Sicht mittlerweile für den Convenience-Markt und seine wirtschaftliche Entwicklung?
Dustin Dahlmann: E-Zigaretten sind längst keine Nische mehr. Für viele Convenience-Shops, Tankstellen und Kioske ist die Warengruppe heute ein extrem relevanter Umsatz- und Frequenzbringer, gerade weil immer mehr erwachsene Raucher nach weniger schädlichen Alternativen suchen. Entscheidend ist: Dieser Umsatz findet im regulierten Handel statt – mit Alterskontrollen, Steueraufkommen und klaren Produktstandards. Genau diesen legalen Markt darf die Politik nicht schwächen.
CS: Die Bundesregierung plant, zwölf Kühlstoffe sowie das Süßungsmittel Sucralose in Liquids zu verbieten. Warum sind diese Inhaltsstoffe aus Sicht der Branche für die Attraktivität legaler Vaping-Produkte so entscheidend?
Dahlmann: Diese Inhaltsstoffe prägen das Geschmacksprofil vieler Liquids. Kühlstoffe und Sucralose erfüllen eine technische Funktion in der Rezeptur: Sie machen den Umstieg von der Tabakzigarette sensorisch erträglich. Viele erwachsene Raucher bleiben nur dann dauerhaft bei der E-Zigarette, wenn das Produkt überzeugt – sonst greifen sie wieder zur Zigarette. Wenn legale Produkte plötzlich deutlich weniger attraktiv schmecken, entsteht eine Lücke – und diese Lücke wird der Schwarzmarkt füllen.
CS: Kritiker argumentieren, Konsumenten könnten einfach auf andere legale Liquids ohne diese Inhaltsstoffe umsteigen.
Dahlmann: Natürlich wird es Konsumenten geben, die auf andere Liquids ausweichen. Aber die Annahme, dass der Markt einfach reibungslos auf Produkte ohne diese Inhaltsstoffe umstellt, ist unrealistisch. Geschmack ist bei E-Zigaretten kein Nebenthema, sondern ein zentraler Nutzungsgrund. Wenn Konsumenten ihre gewohnten Produkte nicht mehr legal bekommen, werden viele nicht automatisch auf unattraktivere Alternativen wechseln.
CS: Welche Folgen hätte das geplante Verbot für Convenience-Shops, Tankstellen und Fachhändler, die heute einen Teil ihres Umsatzes mit E-Zigaretten und Liquids erzielen?
Dahlmann: Ein Nachfrageeinbruch würde den legalen Handel unmittelbar treffen. Convenience-Shops und Tankstellen verlieren nicht nur Umsatz mit E-Zigaretten und Liquids, sondern auch Zusatzkäufe, die mit dieser Warengruppe verbunden sind. Fachhändler wären noch stärker betroffen, weil ihr Geschäftsmodell direkt an legalen, attraktiven Produkten hängt. Am Ende profitieren nicht verantwortungsvolle Händler, sondern illegale Anbieter ohne Alterskontrolle, ohne Steuern und ohne Produktkontrolle.
CS: Laut Ihrer Verbandsumfrage rechnen fast 90 Prozent der Händler und Hersteller mit Verlagerungen in den Schwarzmarkt. Welche Erfahrungen stützen diese Befürchtung?
Dahlmann: Die Niederlande zeigen sehr deutlich, was passiert, wenn legale Produkte durch Verbote unattraktiv gemacht werden. Die niederländische Regierung selbst geht inzwischen davon aus, dass rund 87 Prozent des E-Zigaretten-Marktes außerhalb des legalen Handels stattfinden. Besonders alarmierend ist, dass gerade junge Konsumenten überwiegend auf illegale Produkte zurückgreifen. Das zeigt, dass Verbote den Konsum nicht beenden, sondern ihn in unkontrollierte Kanäle verlagern können. Ähnliche Entwicklungen sehen wir auch in anderen Ländern mit sehr restriktiver Regulierung. Für Deutschland ist das Risiko besonders groß, weil bereits heute ein erheblicher Schwarzmarkt existiert.
CS: Sie haben vor Lieferengpässen gewarnt, falls das Verbot sechs Monate nach Verkündung in Kraft tritt. Welche Übergangsfristen wären aus Ihrer Sicht notwendig?
Dahlmann: Sechs Monate sind völlig unzureichend. Allein eine neue Rezeptur braucht rund sechs Monate Entwicklung plus die gesetzliche EU-Notifizierung mit weiterem halbjährigem Vorlauf – mit Produktion und Lieferketten liegt die realistische Umstellung bei deutlich über einem Jahr. Durch den bei der aktuell vorgesehenen Frist nötigen kurzfristigen Abverkauf droht eine Welle von Ramschverkäufen zu Niedrigstpreisen, die eine ganz falsche Zielgruppe ansprechen. Nicht verkaufte Ware müsste unter zollamtlicher Aufsicht vernichtet werden – mit erheblichen Umweltbelastungen. Notwendig sind mindestens 18 Monate Übergangsfrist und ein erlaubter Abverkauf für rechtmäßig in Verkehr gebrachte Ware.
CS: Befürworter des Verbots argumentieren mit Gesundheitsrisiken. Wie begegnen Sie dem Vorwurf, dass Kühl-stoffe, Süßungsmittel und fruchtige Geschmacksprofile insbesondere junge Menschen zum Konsum verleiten?
Dahlmann: E-Zigaretten gehören ausschließlich in die Hände erwachsener Raucherinnen und Raucher. Aber ein Verbot bestimmter Inhaltsstoffe löst das Problem nicht. Jugendliche kaufen problematische Produkte gerade nicht im seriösen Fachhandel oder an der Tankstelle mit Alterskontrolle, sondern über illegale Kanäle, Social Media oder aus dem Ausland. Wer den legalen Markt schwächt, schwächt auch den kontrollierten Jugendschutz.
CS: Bundesdrogenbeauftragter Hendrik Streeck und andere vertreten die Ansicht, dass erwachsene Raucher für einen Umstieg keine Frucht- oder Bonbonaromen benötigen. Was sagen die Erfahrungen Ihrer Mitgliedsunternehmen?
Dahlmann: Die Erfahrung unserer Mitgliedsunternehmen ist eindeutig: Erwachsene Raucher greifen beim Umstieg fast ausschließlich zu Frucht-, mentholhaltigen oder süßeren Aromen, weil sich der Tabakgeschmack bei der E-Zigarette mangels Verbrennung technisch nicht reproduzieren lässt. Aromen sind deshalb kein Spielzeug, sondern ein wichtiger Faktor für Akzeptanz und dauerhafte Umstellung. Wer diese Vielfalt einschränkt, macht den Umstieg weniger attraktiv – und riskiert Rückfälle zur Zigarette.
CS: Welche Erwartungen haben Sie an Convenience-Händler, wenn es darum geht, Alterskontrollen konsequent umzusetzen, Verbraucher aufzuklären und einen legalen Markt für alternative Nikotinprodukte zu sichern?
Dahlmann: Convenience-Händler spielen eine zentrale Rolle. Wir erwarten konsequente Alterskontrollen durch geschultes Personal und ein klares Bekenntnis zum Verkauf nur an Erwachsene. Darüber hinaus können Händler Verbraucher sachlich informieren und legale Produkte klar von illegaler Ware abgrenzen. Genau das ist der Mehrwert des regulierten Handels gegenüber dem Schwarzmarkt.