Mit harscher Kritik an den Branchenstrukturen ist der Tankstellen-Interessenverband (TIV) an die Öffentlichkeit gegangen. Häufige Preisschwankungen an den Stationen für den Kraftstoff und „überhöhte Preise in den Tankstellen-Shops“ benachteiligten sowohl Verbraucher und Verbraucherinnen als auch die Pächter. Der Verband fordert ein Ende der „kartellrechtlich zweifelhaften Eskapaden“. Verbandsgeschäftsführer Jochen Wilhelm erwartet, daß die Bundesregierung, die EU-Kommission und das Kartellamt diesbezüglich aktiv werden müssten.
„Das Kraftstoff- und das Shop-Geschäft der Tankstellen müssen in den Fokus der Politik rücken“, forderte die Interessenvertretung. Nach Ansicht ihres Geschäftsführers Wilhelm, nutzen die „Konzerne ihre Marktmacht gnadenlos“ an den Tankstellen aus. „Die Preise purzeln täglich mehrfach“, sagte Wilhelm mit Blick auf die Kraftstoffe und sprach von „Verwirrungspreisen“. Mit dem Ölpreis auf dem Weltmarkt, der oft über Tage nahezu konstant sei, hätten die Tankstellenpreise für Treibstoffe längst nichts mehr zu tun, urteilte der Verbandsgeschäftsführer.
Hohe Einkaufspreise
Beim Shop-Geschäft sieht der Pächterverband eine „doppelte Wettbewerbsverzerrung“. Grund dafür sei, dass „die Konzerne durch verschwiegene Zwischenprovisionen die Einkaufspreise der Shop-Artikel hochtrieben und mehrfach am Shop verdienen“. Die Pächter und Pächterinnen könnten die Produkte nicht auf dem freien Markt einkaufen, sondern würden von den großen Mineralölgesellschaften verpflichtet, sie zu überhöhten Preisen über vorgegebene Lieferanten zu beziehen. Mit freiem Unternehmertum habe das nichts zu tun. Dennoch trügen die Tankstellen- und Shop-Betreiber als Pächter und Pächterinnen das unternehmerische Risiko.
Der TIV habe kürzlich eine Verbandsklage gegen den Mineralölkonzern Shell eingereicht, deren Kern „die fragwürdigen Einkaufskonditionen“ seien. Shell verpflichte darin seine Pächter, 90 Prozent der Shop-Produkte von der eigenen Tochter Carissa zu beziehen. Dort seien die Einkaufspreise jedoch zwischen 70 und 110 Prozent höher als marktüblich.
„Vorwurf nicht nachvollziehbar“
Eine Shell-Sprecherin bezeichnete den Vorwurf auf Anfrage als nicht nachvollziehbar. „Insbesondere ist unklar, auf welcher Datenbasis der Vorwurf erhoben wurde.“ Bei jeglichen Vergleichen müsse auch berücksichtigt werden, welche Leistungen, beispielsweise komplexe Logistik und kleinteilige Warenwirtschaft, man für das bezahlte Entgelt erhalte, so die Sprecherin.
Darüber hinaus betonte Geschäftsführer Wilhelm erneut, dass der Verkauf von Lebensmitteln und Produkten des täglichen Bedarfs für die Tankstellen immer wichtiger werde: „Im Shop spielt die Musik“, sagte Wilhelm. Er bestätigte, dass rund 60 Prozent des Rohertrags der Pächterinnen und Pächter großer Mineralölkonzerne über die dort verkauften Produkte erzielt werden. „Schon heute und in der Zukunft noch mehr geht es um einen ‚Shop mit Tankstelle‘ und nicht mehr um eine ‚Tankstelle mit Shop‘“, so der TIV.
Auch bei den oft schnellen Preisänderungen an den Zapfsäulen sieht Wilhelm erheblichen Änderungsbedarf. Eine Auswertung von gut 14.000 Tankstellen in Deutschland durch das Vergleichsportal benzinpreis.de habe ergeben, dass mehr als 11.000 Tankstellen Preise meldeten, die teilweise für weniger als 15 Minuten galten, und das in einem Zeitraum von sechs Tagen. Bei 3.851 Tankstellen registrierte das Portal sogar einzelne Preise, die nicht einmal fünf Minuten lang galten. Der Verband zählt knapp 700 Mitglieder, die rund 1.000 Tankstellen betreiben.