Sie legen nicht viel Wert auf Ambiente oder den Einsatz qualifizierter Mitarbeiter: Neue Coffeeshop-Ketten, die auch aus China zu uns kommen. Diese servieren ihrer Kundschaft Kaffee und Kaffeespezialitäten, möglichst per App vorbestellt und in Vollautomaten zubereitet, die vor allem To-go genossen werden sollen. Während sich bisher eher die etablierten Lifestyle Coffeeshop-Ketten in Innenstädten bedroht fühlten, dämmert der Ärger inzwischen auch der C-Branche.
Als das Magazin Spiegel kürzlich unter dem Titel „Wo eine Tasse Kaffee zum Luxusgut wird“ über gastronomische Kaffee-Preise in Europa berichtete, da kam das „Luxusgut-Beispiel“ aus der Convenience-Branche, wie zu erwarten war. Allerdings ist das auch kein Wunder, wenn eine österreichische Raststätte beispielsweise 8,70 Euro für einen Cappuccino nehmen sollte. In anderen europäischen Ländern ist es beispielsweise Dänemark mit der Hauptstadt Kopenhagen, das in Kaffeepreis-Rankings immer wieder Spitzenplätze innerhalb der EU belegt. Dort kostet ein Cappuccino im Durchschnitt etwa sechs Euro, in exklusiven Lagen oder an sehr touristischen Orten auch schon mal acht Euro. In der berühmten Kopenhagener Konditorei La Glace gibt es allerdings nur Filterkaffee – zum stolzen Preis von etwa 10,50 Euro. In der ungarischen Hauptstadt Budapest kostet der Cappuccino in dem von Touristen belagerten Ringstraßen-Café „New York“ umgerechnet rund elf Euro und Geschichten darüber, dass der Markusplatz in Venedig mit einem Cappuccino für 25 Euro zur Touristenfalle wurde, gibt es immer wieder.
Bekannte Preis-Ausreißer
In vielen europäischen Länder sind natürlich die Raststätten, was ihre Preise im Bereich Convenience und Mobilität angeht, fast immer Ausreißer nach oben, schließlich haben sie ein riesige Kundenpotenzial, das nur über wenige Alternativen verfügt. Allerdings sorgen Ausreißer, die es preislich übertreiben, häufig für ein negatives Image der Convenience-Branche, auch in Deutschland. Dennoch stellt sich die Frage, warum Shop-Betreiber an Tankstellen, in Bahnhöfen und Flughafen etc. sich für ihre Preise rechtfertigen müssen, wenn die Kunden sie doch akzeptieren. Und namhafte Wettbewerber, die diesen Weg nicht mitgehen und andere Signale setzten, gab es bisher kaum. Doch jetzt sind mögliche Alternativen da: Noch sind es Wenige, die anders agieren, aber die große mediale Aufmerksamkeit, die sie bekommen, zeigt durchaus, welche Relevanz sie künftig haben könnten. Erstes Stichwort dabei ist LAP Coffee. Relativ unauffällig hat sich das Unternehmen inzwischen in Berlin, Hamburg und München eine Kette von etwa zwanzig Coffeeshops aufgebaut. „Während der Preis für Kaffee im Einzelhandel und außer Haus steigt, setzt LAP Coffee auf ein radikales Gegenmodell: kleine Filialen, digitale Prozesse – und Cappuccino für 2,50 Euro“, berichtete der Nachrichtensender NTV bereits im Herbst 2025. Ob allerdings die NTV-Feststellung: „Während die Schlangen vor den Läden wachsen, geraten unabhängige Cafés unter Druck“ berechtigterweise nur die Schwierigkeiten kleinerer Konkurrenten mit diesem Wettbewerber hervorhebt, dürfte zweifelhaft sein. Wenn eine Player, der immer stärker öffentlich wahrgenommen wird, zeigt, dass es preislich auch anders geht, dann kann dies auch das Kaffee-Geschäft der Convenience-Shops deutlich verändern. „Die Deutschen sind Europameister im Kaffeetrinken zu Hause, beim Out-of-Home-Konsum aber Schlusslicht. Das verändern wir gerade und zeigen: Kaffeetrinken in der Stadt muss kein Luxus sein", sagte LAP-Gründer Ralph Hage im vergangenen Herbst im Interview mit dem Sender NTV. Und natürlich wissen alle Coffee-Player, dass Mobilitäts-orientierte Standorte für den Coffee-To-go, egal von welchem Anbieter, hier zu Lande wohl mit die aussichtsreichsten sind. Schließlich verkauft Aral nicht ohne Grund den meisten Coffee-To-go in Deutschland. Und natürlich gibt es auch noch einen entscheidenden Unterschied zwischen den teureren Coffee-Shops und Playern wie LAP. Dort kommt nämlich ein Vollautomat zum Einsatz. In den Augen vieler Fachleute ist das Fehlen von Baristas und ihrem Können – das wurde auch auf der Hamburger Internorga intensiv diskutiert – ein qualitatives Problem. Dennoch kann noch niemand so genau sagen, ob das angesichts der niedrigeren Preise den Kunden egal ist, oder ob es sich schwerpunktmäßig um andere Kundenzielgruppen handelt, die sonst vielleicht Out-of-Home keinen Kaffee kaufen würden.
Noch nicht an Tankstellen
Noch ist LAP an Tankstellen nicht aktiv und wie man hört, geht die Kette ja auch mit Vorliebe in leerstehende städtische Standorte, weil dort die Mieten niedrig sind. Sicherlich auch eine Notwendigkeit, damit trotz niedriger Preise die Rechnung dieser Coffee-Shops aufgeht. Wie sie das hinbekommen, davon können sich Besucher jederzeit selbst überzeugen. Die Eindrücke des dpa-Reporters Matthias Arnold fasste die Nachrichtenagentur im Herbst 2025 folgendermaßen zusammen: „Ein paar Metall-Bänke und Hocker vor der Tür; drinnen ein kleiner, mit dem Nötigsten ausgestatteter Verkaufsraum: Die meisten Filialen der Café-Kette LAP Coffee laden nicht zum Verweilen ein. Wer hier seinen Kaffee kauft, will in der Regel schnell weiter – hat die Bestellung möglicherweise vorher schon per App aufgegeben“, beschreibt Arnold und meint weiter: „Anstatt mit Gemütlichkeit lockt das junge Berliner Startup mit günstigen Preisen – und setzt die Café-Szene in größeren Städten unter Druck.“
In Richtung Mobilitäts-Hotspots
Und auch wenn die Mieten an Convenience-Standorten für LAP in vielen Fällen zu hoch sein dürften, um mit seinen Preisen rentabel zu arbeiten, steuern auch sie sicherlich die Mobilitäts-Hotspots an. Das zeigt beispielsweise der LAP Coffeeshop an der S-Bahn-Station Schönhauser Allee in Berlin. Seit kurzem hat das Unternehmen zudem ein erstes, wenn auch zunächst zeitlich begrenztes Standbein am Convenience-Standort Bahnhof. LAP Coffee erweiterte zum Jahresbeginn das gastronomische Angebot im Münchner Hauptbahnhof: Für die Monate Februar bis April eröffnete das Unternehmen einen Pop-up-Store in der stark frequentierten S-Bahn-Verteilerebene und setzte damit auch in der hiesigen C-Branche ein Zeichen. „DB InfraGO nutzt das temporäre Format, um ein modernes Kaffeeangebot unter realen Pendlerbedingungen zu testen und flexibel auf die Bedürfnisse der Reisenden zu reagieren“, teilte das Unternehmen mit und konkretisierte auch, warum man sich diesen Partner aussuchte: „Unser Ziel ist es, den vielen Reisenden im Münchener Hauptbahnhof ein gutes, hochwertiges und gleichzeitig bezahlbares Kaffeeangebot zu machen – schnell, verlässlich und direkt auf ihrem täglichen Weg“, sagte die DB InfraGO. Dieser Test, so die Bahn weiter, habe sich ergeben, weil der Bedarf an zusätzlichen Angeboten aktuell spürbar gestiegen sei: Durch die umfangreichen Bauarbeiten im Rahmen der zweiten S-Bahn-Stammstrecke sowie dem Neubau des Empfangsgebäudes seien rund um den Querbahnsteig zahlreiche Verkaufsflächen weggefallen. Dadurch habe sich die Versorgungssituation für die Reisenden vorübergehend verschärft.
Passgenaue Services erproben
„Mit dem neuen Pop-up-Store reagiert die DB InfraGO gezielt auf diese Einschränkungen und schafft im Untergeschoss einen gut erreichbaren, stabil angebundenen Ersatzstandort, der die weggefallenen Angebote teilweise kompensiert“. Die Bahn-Tochter verfolgt mit der Eröffnung nach eigenen Angaben „zielstrebig das Anliegen, das alltägliche Reiseerlebnis zu verbessern und passgenaue Services im Bahnhofsumfeld zu erproben“. Ohnehin gewännen Pop-up-Formate in diesem Prozess der Bahnhofsentwicklung der DB InfraGO zunehmend an Bedeutung, „da sie neue Partner und Partnerinnen niedrigschwellig in Bahnhöfe bringen und Raum für innovative Konzepte schaffen“, wie die DB mitteilt. Nach Abschluss der dreimonatigen Testphase soll eine detaillierte Auswertung zu Nachfrage, Wirtschaftlichkeit, Kundenfeedback und zu dem Potenzial für eine Weiterentwicklung oder Verstetigung des Angebots erfolgen. Das wird die Convenience-Branche als Ganzes natürlich aufmerksam verfolgen. Der LAP-Mitgründer sieht allerdings wenig Grund zur Sorge für eventuelle Wettbewerber an den Standorten: „Dass wir existieren, bedeutet nicht, dass wir jemand anderem einen Teil des Kuchens wegnehmen“, betonte er kürzlich gegenüber dpa und ergänzte auch warum: „Überall, wo wir aufgemacht haben, öffnen in der Nähe weitere neue Cafés. Kein einziges musste bisher wegen uns dicht machen.“ Wenn Cafés nicht funktionierten, dann vor allem deshalb, weil viele aus der Zeit gefallen seien, ineffizient wirtschafteten und wenig innovativ seien, ist er überzeugt.
Chance, sich zu beweisen
Für LAP ist es eine weitere Chance zu beweisen, dass man eben anders agiert und daher nicht nur in städtischen Kiezen, sondern besonders auch im Umfeld von Convenience-Standorten genau richtig angesiedelt ist. „Viele Menschen haben im Alltag keine Zeit für Umwege, aber einen Anspruch an die Qualität ihres Kaffees. Genau dafür steht LAP: top Produkt, schnell, fair kalkuliert“, sagt Hage. Sein Unternehmen arbeitet nach eigenen Angaben mit einem kompakten, hochoptimierten Sortiment und einem Setup, das konsequent auf Schnelligkeit und Verlässlichkeit ausgelegt sei – „insbesondere im morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr“. Im Fokus stünden dabei Produkte, die über das Standardangebot hinausgingen und „Reisenden Zugang zu zeitgemäß, hochwertig zubereiteten Getränken bieten, die den Alltag unterwegs ein Stück interessanter machen“, ist das Unternehmen überzeugt.
Kein Einzelfall
Und wer jetzt meint, dieser einzelne Fall, sage noch wenig über weitere zu erwartende Entwicklungen aus, der sollte sich nicht täuschen, denn weitere ernst zu nehmende Player gibt es, die bereits mit weltweit tausenden von Filialen über eine ganz andere Kraft und Erfahrung in diesem Business verfügen: Beispielsweise das chinesische Unternehmen Cotti Coffee, dessen Rolle kürzlich der Kaffee-Fachmann Dr. Steffen Schwarz von Coffee Consulate per Linkedin hervorhob. So habe Cotti im Herbst 2025 in Kontinentaleuropa mit Standorten in Köln, Düsseldorf und Hamburg sowie außerdem in Paris, Barcelona und Madrid debütiert. Weiteres europäisches und deutsches Wachstum soll zeitnah geplant sein. Das entscheidende bei Cotti Coffee, das im Jahr 2022 von Führungskräften der Kette Luckin Coffee gegründet wurde, sei, so erläutert Schwarz, dass man hier ebenfalls auf niedrige Preise, kompakte Formate und App-gesteuerte Bestellungen und Aktionen setzt. Das erste Cotti-Geschäft war im Oktober 2022 in Fuzhou/ China eröffnet worden und mit seiner aggressiven, preiswerten und franchisebasierten Expansionsstrategie habe man bis 2025 die Marke von 10.000 Standorten überschritten. Mit diesem Wettbewerber und seinen Zielen und Konzepten sollten sich die Vertreter der hiesigen Convenience-Branche noch mehr beschäftigen.
In Richtung Convenience Store
Doch das gilt auch aus noch einem ganz anderen Grund, auf dem auch Steffen Schwarz bereits hinwies: Cotti will sich vom Coffee-Shop zum Convenience Store weiterentwickeln. Die neuen Cotti Convenience Stores, so berichtetet kürzlich die Zeitung Beijing Business Today, würden ein kaffeefokussiertes Thema beibehalten und gleichzeitig typische Convenience-Store-Produkte anbieten. Den Grund dafür, das zu tun, analysierte jetzt die Online-Plattform Food Talks. Hauptsächlich gehe es darum die Bedürfnisse der Kunden noch besser zu erfüllen, die Effizienz der Filialen zu maximieren und den Umsatz der Filialen zu steigern. Das Shop-in-Shop-Konzept für Convenience solle dabei die Funktion des ursprünglichen Convenience Stores erfüllen und diese dann in das zugehörige Filialformat einpflanzen.
In Bezug auf die Produkte werden laut Food Talks neben dem einheitlichen Verkauf der frisch zubereiteten Getränke von Cotti Coffee, in Cafés und Convenience-Stores beliebte Kategorien wie Eiscreme, Instantnudeln und Getränke in Flaschen angeboten. Dazu sollen westlich zubereitete frische Eiertörtchen und gegrillte Würstchen sowie chinesische Teigwaren und Bento-Boxen kommen. Zu Beginn hatte Cotti Coffee in China eine Vielzahl von Fast-Food-Bento-Boxen und anderes Fast-Food auf den Markt gebracht. Dazu kamen auch sieben einfache Frühstücksgerichte. Alle Angebote lagen preislich deutlich unter denen der Wettbewerber in anderen Convenience Stores.
Herausforderung Retail
International diskutiert wird vor diesem Hintergrund allerdings darüber, dass sich das Retail-Business doch deutlich vom Gastro-Geschäft unterscheidet und auf Cotti deshalb zahlreiche Herausforderungen zukommen werden. So beispielsweise beim Aufbau der Lieferkette, bim Filialmanagement und Kostenkontrolle, der Produktauswahl- und Beschaffung, Verwaltung von Filialen und den Schulungen von Mitarbeitern in diesem Markt sowie der Ausbalancierung von Kosten und Betriebsergebnissen. Dass man sich das bei Cotti aber offenbar alles zutraut, wird auf entsprechende Erfahrungen des Managements zurückgeführt. Laut des Brand Reading Reports, den Food Talks zitiert, hätten die Manager von Cotti bereits getestet, Coffee Shops als Basis für ein Convenience-Store-ähnliches Modell zu schaffen, das mit Schreibwaren, Bürobedarf und Lebensmittellieferungen zu tun gehabt habe. Die jetzige Eröffnung von Convenience Stores könne daher als Fortsetzung vergangener Maßnahmen angesehen werden.
Alles in allem also eine spannende Entwicklung rund um die Kaffee-Preisbrecher, auch für die deutschen Convenience-Branche. Sie liefert auch interessante Einsichten, woher für die C-Shops aller Art auch hier zu Lande künftig neuer Wettbewerb kommen könnte. Dass er kommt, ist schon deshalb sicher, weil sich aktuell wieder in vielen Markt-Segmenten zeigt, welche Anziehungskraft die C-Shops haben.