Bei der Aral-Muttergesellschaft, der BP Gruppe, ist aktuell viel in Bewegung. Die neue CEO Meg O’Neill startet im April 2026. Von ihr erwarten die Eigner, dass sie ihre „Erfolgsbilanz bei der Umsetzung von Transformationen, Wachstum und disziplinierter Kapitalallokation“ für die BP einsetzt, um die Gruppe als Unternehmen „einfacher, schlanker und profitabler“ zu machen.
Spätestens als bekannt wurde, dass sich die BP von all ihren Tankstellen in den Niederlanden und in Österreich trennen will, war klar, dass sich die Frage nach den Perspektiven für die deutschen Aral-Tankstellen stellt. Auch wenn sich das Aral-Geschäft hier zu Lande auf ganz anderem Niveau abspielt, scheint angesichts globaler Transformations-Erfordernisse aktuell kaum noch etwas sicher zu sein. Daher macht es Sinn, dass Achim Bothe im Exklusiv-Interview mit CS klarstellt, dass die BP mit der Marke Aral Deutschland weiterhin als einen ihrer vier Kernmärkte ansieht, den es weiterzuentwickeln gilt. Dennoch müssen die Bochumer jetzt einiges an individuellen Transformationsleistungen anbieten, um ihren Beitrag zur gewünschten Entwicklung des globalen Konzerns zu leisten.
Convenience Shop: Wie würden Sie die Situation der Tankstellen-Branche Anfang 2026 in Deutschland beschreiben?
Achim Bothe: Das Marktumfeld ist unverändert anspruchsvoll. Deutschland hatte in den vergangenen Jahren letztendlich kein Wirtschaftswachstum vorzuweisen. Der angekündigte ‚Herbst der Reformen‘ ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Hier gibt es also unverändert Nachbesserungsbedarf. Das Konsumklima ist, auch im Kontext des russischen Angriffskriegs in der Ukraine und der nachgelagerten Inflation, weiterhin angespannt und die Konsumbereitschaft zurückhaltend. Das gilt gerade auch dort, wo die Kunden die Wahl haben: Insbesondere im Geschäftsfeld Tankstelle müssen wir für Shop-Produkte Preiswürdigkeit herstellen, um damit gegenüber dem Lebensmitteleinzel- dem Getränkehandel oder Bäckereien zu bestehen.
CS: Wie entwickelt sich aus Ihrer Sicht die Elektromobilität?
Bothe: Sie wächst, aber deutlich langsamer, als erwartet. Die ursprünglich angekündigten 15 Millionen vollelektrischen Fahrzeuge auf deutschen Straßen bis 2030 werden wir sicherlich nicht sehen. Der Hochlauf wird weitergehen, aber langsamer als erwartet. Das bringt eine gewisse Stabilität für den Verbrenner-Fahrzeugpool, was für das Tankstellen-Geschäft wichtig ist. Allerdings sehen wir eine kontinuierliche Entwicklung: Der Kraftstoffverbrauch gerät perspektivisch unter Druck und die Elektromobilität wächst.
CS: Welche Faktoren spielen für die aktuelle Entwicklung darüber hinaus eine wichtige Rolle?
Bothe: Sicherlich die Entscheidungen zum Mindestlohn. Dieser ist jetzt auf 13,90 Euro gestiegen und 2027 soll eine weitere Steigerung auf 14,60 Euro folgen. Wenn man das mal in der Zeitfolge von 2020 bis 2027 anschaut, reden wir über eine 56-prozentige Steigerung. Das hat substanzielle Auswirkungen auf die Betreiberkosten an Tankstellen und wird das Geschäftsmodell 2026 weiter enorm unter Druck setzen.
CS: Zu den internationalen strategischen Dimensionen des Geschäfts: Bei BP war in den vergangenen Monaten von einem radikalen Konzernumbau die Rede. Angekündigt wurde auch, bis Ende 2026 weltweit 6.200 Jobs einzusparen. Wie ist Aral davon betroffen?
Bothe: Zunächst muss man sagen, dass wir auf BP-Gruppenebene im Februar 2025 eine Aktualisierung der Strategie vorgenommen haben. Die bisherige Strategie stammte aus dem Jahr 2019. Angesichts der Weltlage mit russischem Angriffskrieg, der Pandemie, energiepolitischer Weichenstellungen und auch der Veränderungen in der US-Administration haben wir dann sehr klar gesagt, wir wollen im sogenannten Upstream-Geschäft, also Exploration und Produktion von Öl und Gas, weiter wachsen - also dort auch vermehrt investieren. Das zweite Thema ist die Fokussierung im so genannten Downstream-Geschäft. Da geht es auch um Veränderungen im Portfolio. Deshalb haben wir beispielsweise das Tankstellen-Geschäft in den Niederlanden zum Ende des vergangenen Jahres verkauft und wir haben den Verkauf des Tankstellen-Geschäfts in Österreich angekündigt. So fokussieren wir das Downstream-Geschäft auf Märkte, in denen wir – wie in Deutschland – eine führende und integrierte Position haben. Sowohl bei Kraftstoffen und Convenience als auch bei der Elektromobilität. Die vier Kernländer für ultraschnelles Laden sind für uns China, die USA, United Kingdom und Deutschland.
CS: Das heißt, die Aktivitäten von BP in Deutschland sind gesichert?
Bothe: Deutschland ist unverändert einer der Kernmärkte. Es gibt keine Pläne, das Aral Tankstellennetz zu veräußern. Hier ist einer der größten Märkte in Europa und wir haben in Deutschland mit Aral eine hervorragende Ausgangsposition, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Nichtsdestotrotz müssen wir natürlich unsere Hausaufgaben machen. An dieser Stelle kommen Restrukturierung und Transformation ins Spiel. Wenn man, wie wir, in einem schwierigen Marktumfeld unterwegs ist, muss man auch auf die Kosten schauen. Und diese Hausaufgaben haben wir, wie die gesamte Gruppe, auch in Deutschland gemacht und jeden Stein umgedreht.
CS: Was ist dabei konkret herausgekommen?
Bothe: Beispielsweise machen wir etwas, was BP global angekündigt hat, auch in Deutschland: Wir gehen stärker in die Zusammenarbeit mit so genannten Business Technology Centern. Das ist in der Branche nichts Unübliches und bedeutet konkret, einen weiteren Hub in Indien aufzubauen, dort hochwertige und anspruchsvolle Arbeitsplätze zu errichten und sowohl von dem dortigen Capability Pool als auch vom Know-how bei Prozessen und Technologie zu profitieren.
CS: Was verändert sich noch bei Ihnen?
Bothe: BP hat sich im Mobilitätsgeschäft entschieden, auf ein ländergeführtes Geschäftsmodell zu setzen, weniger auf eine Matrix-Organisation. Im Zuge der Fokussierung sind wir dort, wo wir eine führende integrierte Position haben, davon überzeugt, dass das Know-how in den Märkten steckt. Aus meiner Sicht sind wir auch in Deutschland sehr gut aufgestellt. Dennoch bleiben wir in Bochum nicht vom Stellenabbau verschont. Für die BP Europa gibt es einen Stellenabbau von rund 300 Rollen am Standort Bochum. Wohlgemerkt sind innerhalb der BP Europa nicht nur Mitarbeitende im Tankstellen-Geschäft betroffen. Das heißt also, dass nur ein Teil der Stellen im Tankstellen-Geschäft abgebaut werden. Dadurch haben wir Veränderungen in fast allen Teams vorgenommen, aber wir sind dabei aus meiner Sicht mit Sinn und Verstand und mit Maß und Mitte vorgegangen, weil wir keine Business-Disruption wollen.
CS: Wie entwickeln Sie Ihr Tankstellen-Geschäft weiter?
Bothe: Dazu gehört vor allem eine Segmentierung des Tankstellennetzes. Wir schauen stärker darauf, was wo an unseren Stationen funktioniert und wie wir diese in unterschiedliche Kategorien einteilen können, um Produktivität, Effizienz und Wirtschaftlichkeit zu verbessern. Wir haben dafür unser gesamtes Netz analysiert und auf dieser Basis unterschiedliche Segmente sowohl für das Bistro-Geschäft als auch für das Shop-Geschäft gebildet. Die Segmente bestimmen künftig sowohl die Vielfalt und Tiefe als auch die Breite des Angebots im jeweiligen Shop beziehungsweise Bistro und damit auch die Betreibungsintensität. Dort wo unser differenziertes Angebot bisher auf wenig Kundenresonanz gestoßen ist, stellen wir uns schmaler auf, nehmen Personalintensität raus, reduzieren den Wegwurf und schaffen wirtschaftlichen Freiraum. In anderen Segmenten sehen wir, dass Stationen das Potenzial haben, deutlich mehr Nicht-Tabakprodukte abzusetzen und wirkliche Leuchttürme der Standortentwicklung zu sein.
CS: Gibt es jetzt unterschiedliche Teams für unterschiedliche Segmente bei Ihnen?
Bothe: Nein, die zuständigen Teams bearbeiten das gesamte gesellschaftseigene Netz, sodass wir eine gewisse Durchlässigkeit haben, die notwendig ist. Bei all dem kommt es darauf an, in Zusammenarbeit mit den Partnern die Produktivität und Effizienz nicht nur bei uns, sondern auch an der Tankstelle zu verbessern. Auch ein paar klassische Themen stehen zur Diskussion, wie die Frage nach den richtigen Öffnungszeiten. Wir haben meines Erachtens durch das Cosi-Modell wichtige Erkenntnisse gewonnen, was an den Tankstellen im Detail funktioniert. Ich sehe es nach wie vor als einen entscheidenden Vorteil, das Shop-Geschäft ins Agenturgeschäft überführt zu haben. Damit haben wir volle Datentransparenz. Wir haben uns mit Cosi ja bewusst dafür entschieden, das Convenience-Geschäft stärker in unsere eigene Verantwortung zu nehmen. Daran halten wir fest, weil die Vorteile für Sortiments-, Promotion- und Pricing-Entscheidungen auf der Hand liegen. Unsere Analytik-Grundlage ist wirklich stark.
CS: Bei all dem ist es sicherlich weiterhin wichtig, gewisse Grunderwartungen der Kundschaft an eine Aral-Tankstelle im gesamten Netz zu erfüllen?
Bothe: Auf jeden Fall. Die Kundinnen und Kunden haben eine gewisse Grunderwartung, die wir nicht enttäuschen wollen, die wir ebenfalls analysiert haben und über die unterschiedlichen Vertriebskanäle erfolgreich sicherstellen. Etwa die Hälfte des Aral Netzes befindet sich im Unternehmenseigentum, in der anderen Hälfte arbeiten wir mit Eigentümern oder Markenhändlern zusammen. Wir sehen auch im Eigentümerbereich starke Shop-Formate und andere, als wir sie im gesellschaftseigenen Netz haben. Mit unserer Marktpositionierung haben wir ein robustes Fundament.
CS: Zu den Grunderwartungen der Kundschaft hier zu Lande gehört sicherlich auch, in den Shops nicht noch höhere Preise bezahlen zu müssen?
Bothe: Die Preise orientieren sich sicherlich auch an der Betreiberart und weiteren Faktoren. Allgemein kann man sagen, dass in dem Marktumfeld der Tankstellen und mit Blick auf Kundenwahrnehmung und Preiswürdigkeit, eine generelle Preisinflation aus unserer Sicht keine gute Entscheidung wäre. Das würde Tankstellen nicht helfen, sich nachhaltig attraktiv zu positionieren und die Lücke beispielsweise zum Lebensmitteleinzel-, Getränkehandel oder zur Bäckerei zu schließen. Nach wie vor sehen Kunden das Preis-Leistungs-Verhältnis an Tankstellen teilweise mit Vorbehalten und dort müssen wir ansetzen.
CS: Ist für 2026 Weiteres geplant, was nach Ihrer Ansicht dazu geeignet wäre, bei der Kundschaft die Zustimmung zur Marke Aral zu fördern?
Bothe: Ja, wir planen eine Reihe von Aktionen. Ohne zu viel zu verraten kann ich sagen, dass es eine Aktion zur Fußball-Weltmeinsterschaft geben wird, mit der wir mutig vorangehen und an historische Aral Aktionen anknüpfen werden. Wir haben uns etwas Besonderes einfallen lassen und werden die Kunden im März über alle Einzelheiten informieren. Unter dem Titel „Aral bewegt“ sind wir außerdem mit unserer Content-Plattform live gegangen, auf der Menschen ihre Mobilitätsgeschichten erzählen. Hier hatten wir in den ersten Wochen des Jahres auf YouTube bereits mehr als 17 Millionen Zugriffe. Und natürlich haben wir weitere Aktionen und Innovationen in der Pipeline.