Interview mit Achim Bothe, Aral „Die Tankstelle bleibt wichtig“

Bei der Einrichtung von E-Ladepunkten macht Aral weiter Tempo. Das verspricht der Aral Vorstandsvorsitzende Achim Bothe im Interview mit CS. Aber auch das Shop-Geschäft an Tankstellen soll unter seiner Führung kontinuierlich weiter entwickelt werden.

Mittwoch, 15. Februar 2023 - Tankstelle
Hans Jürgen Krone, Martin Heiermann
Artikelbild „Die Tankstelle bleibt wichtig“
Bildquelle: Aral

Convenience Shop: Deutschland und auch seine Tankstellen sind mitten in einer Energiewende. Wie weit ist Aral in diesem Transformationsprozess fortgeschritten?
Achim Bothe: Das ist absolut richtig: In Zukunft werden mehr und mehr Pkw elektrisch fahren. Wir investieren seit mehr als zwei Jahren massiv in einen zügigen Ausbau unserer Ladeinfrastruktur, mit besonderem Fokus auf Schnell- und Ultraschnellladen. Schon heute betreiben wir an unseren Tankstellen mit fast 1.200 Ladepunkten bereits eines der größten Ultraschnellladenetze Deutschlands, das sich immer größerer Auslastung erfreut. Insgesamt haben wir sogar mehr als 1.300 Ladepunkte in Deutschland installiert. Und wir machen weiter Tempo: Bis 2025 sollen es weit über 5.000 sein. Auch, wenn wir die Weichen zusätzlich klar Richtung E-Mobilität gestellt sehen, werden Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor noch eine ganze Weile auf Deutschlands Straßen unterwegs sein – und auch für diese wollen wir unseren Kundinnen und Kunden Angebote für eine Reduzierung der Emissionen machen.

CS: Worum könnte es sich bei diesen Angeboten, von denen Sie sprechen, beispielsweise handeln?
Bothe: Um Ihnen ein Beispiel zu geben: Aktuell testen wir an zwei Tankstellen in Deutschland mit Aral Futura Super 95 und Aral Futura Diesel zwei neue Kraftstoffe, die mit mindestens 25 Prozent weniger CO2-Emissionen hergestellt werden als rein fossile Kraftstoffe – und beim Verbrauch durch den höheren Anteil an biogenen Komponenten weniger CO2-Emissionen erzeugen. Wir zeigen damit, was jetzt schon technisch möglich ist – unter Einhaltung der aktuellen Normen für Diesel und Benzin.

CS: Wo werden die modernen E-Fahrzeuge künftig nach Ihrer Erwartung vor allem aufgeladen?
Bothe: Aktuell ist es noch so, dass die weit überwiegende Mehrzahl der Ladevorgänge zuhause oder am Arbeitsplatz stattfinden. Wir gehen aber davon aus, dass sich der Anteil der Ladevorgänge zuhause mit steigender Verbreitung der Elektromobilität verringert. Denn nicht jeder hat die Möglichkeit, zuhause eine Wallbox zu installieren – vor allem nicht in den Ballungszentren. Wir bieten schnelles und ultraschnelles Laden aber nicht nur an unseren Tankstellen, sondern Flottenbetreibenden beispielsweise auch für Firmenparkplätze, für Betriebshöfe oder auch bei ihren Mitarbeitenden zuhause. So wollen wir helfen, den Umstieg auf die E-Mobilität von Flotten so einfach und reibungslos wie möglich zu gestalten. Das gilt auch für gemischte Flotten, die sowohl aus Verbrennungs- als auch E-Fahrzeugen bestehen. Gerade diese profitieren von der Aral Fuel & Charge Card, mit der sie alle Lade- und Tankvorgänge bezahlen können und bequem in einer Monatsabrechnung aufgelistet bekommen. Zudem installieren wir unsere Aral pulse Ladesäulen an Orten, an denen sich Menschen länger aufhalten, wie beispielsweise Schnellrestaurants, wie Burger King, oder bald auch an Rewe-Supermärkten, so dass die Autos geladen werden können, während sie sowieso parken.

CS: In den vergangenen 25 Jahren war ja die Zahl der Tankstellen in Deutschland wider Erwarten ziemlich stabil. Wie viele Tankstellen wird Aral 2035 nach Ihrer Erwartung noch betreiben und wie viele Tankstellen wird es dann noch in Deutschland geben?
Bothe: Der Tankstellenbestand ist in Deutschland seit Jahren konstant. Die Nachfrage zeigte sich zuletzt aber sehr volatil, sicher auch geprägt durch Corona, die Einflüsse aus der zunehmenden Elektrifizierung und die Mobilitätswende. Deshalb müssen sich Tankstellen für die Zukunft gut aufstellen, insbesondere im Hinblick auf den bereits angesprochenen Mix für unterschiedliche Antriebsarten. Wir sind davon überzeugt, dass die Tankstelle der Zukunft den Kundinnen und Kunden auch in den nächsten Jahrzehnten sowohl in der Stadt als auch auf dem Land wichtige Services bieten kann – je nach Umfeld in verschiedenen Ausdifferenzierungen. In der Stadt werden unserer Tankstellen durch ihre verkehrsgünstige Lage ein Mobilitätszentrum und Umstiegsplatz zwischen verschiedenen Verkehrsträgern. Denn gerade in dicht besiedelten Städten wird die Zukunft der Mobilität dort stattfinden, wo sich Verkehrswege kreuzen – also genau dort, wo unsere Tankstellen schon heute sind. Auf dem Land rücken Versorgung und Logistik stärker in den Fokus. Wenn die Nahversorgung in ländlichen Gebieten zurückgeht, können wir mit einem erweiterten Shop-Angebot einen Ausgleich schaffen und unser Bistro kann ein sozialer Treffpunkt werden.

CS: Wie wird der zukünftige Tankstellen Shop nach Ihrer Erwartung aussehen? Ist Rewe To Go schon ein geeignetes Shop-Modell dafür und erwarten Sie eine europäische Annäherung der Konzepte im Netz der BP?
Bothe: Ja, davon sind wir überzeugt. Rewe To Go wird von unseren Kundinnen und Kunden gerne genutzt, denn sie möchten mehr als nur tanken oder auch laden. Sie möchten sich mit frischen Lebensmitteln, Snacks und Getränken zum Direktverzehr sowie Klassikern des Unterwegsverzehrs für eine kurze und eine lange Pause versorgen.

CS: Die Wünsche der Kunden an Tankstellen sind ja vielfältig, deshalb werden wohl auch Sie weiterhin viele unterschiedlichen Ansprüche erfüllen müssen. Können Sie dabei auch von den Erfahrungen mit Kooperationen in anderen europäischen Ländern profitieren?
Bothe:
Wir müssen für jeden Tankstellenstandort die richtige Kundenmission treffen, das ist ein wichtiger Baustein für die Zukunft. Insgesamt gehört der Convenience-Bereich zu einem der Wachstumsbereiche von BP, deshalb gehen wir auch in immer mehr Ländern vergleichbare Kooperationen ein, wie beispielsweise mit Albert Heijn in den Niederlanden, Marks und Spencer in UK sowie der Rewe-Gruppe in Österreich und Deutschland.

CS: Wird die Expansion von Rewe To Go im Aral-Tankstellennetz entsprechend weitergehen?
Bothe:
Der Ausbau des Rewe To Go-Konzeptes wird an den unternehmenseigenen Tankstellenshops kontinuierlich weitergehen. Dass es sich hierbei um ein richtungsweisendes Konzept handelt, zeigt sich auch daran, dass sich inzwischen sogar die Besitzer von eigentümergeführten Aral Tankstellen für das Konzept interessieren, und wir freuen uns über weitere eigentümergeführte Stationen, die folgen. Denn unsere Kundinnen und Kunden sowie unsere Partnerinnen und Partner profitieren nicht nur von zwei starken Marken, sondern auch von einem national einheitlichen, an die Bedürfnisse der Kundschaft ausgerichtetem Angebot.

CS: Aral macht ja die Systemführung ihrer Rewe To Go Shops inzwischen selbst. Wie läuft das und welche Vorteile hat das für Sie und die Teams an den Tankstellen?
Bothe:
Es ist eine Win-win-Situation: Aral wird Eigentümer der Shop-Ware und übernimmt mehr Verantwortung. Die Tankstellenpartner, die bislang nur den Kraftstoff im Namen von Aral verkauften, profitieren von Provisionen sowie weniger finanziellem Risiko und einereffektiveren Werbewirksamkeit durch ein einheitlicheres Angebot. Unsere Fachleute aus dem Category-Management sorgen zudem dafür, dass das Angebot stets an die sich verändernden Kundenbedürfnisse angepasst wird.

CS: Es gibt weiterhin auch Stationen mit Aral-Shop. Planen Sie auch diese konzeptionell weiterzuentwickeln? Wann werden die ersten Schritte erfolgen?
Bothe:
Der Aral Shop wird vor allem mit Schwerpunkt auf Sortimentsüberarbeitungen und Optimierungen kontinuierlich weiterentwickelt. Für unsere Aral Shops an Autohöfen, in der Nähe von Autobahnen, arbeiten wir an konzeptionellen Neuerungen, um auch hier für ein passgenaues Angebot für unsere Kundinnen und Kunden zu sorgen. Dazu zählt zum Beispiel ein größeres Food-Angebot oder auch spezielle Sortimente für Fernfahrer.

CS: Welchen Zeithorizont sehen Sie für Ihre Aral-Tankstellen, bei denen es wahrscheinlich nicht möglich sein wird, Ladestationen zu installieren?
Bothe:
Wir stehen vor einer Mobilitätswende und die Tankstelle wird sich dafür teilweise neu erfinden müssen und ihr Angebot anpassen. Das Ultraschnellladen ist dabei ein größerer Ankerpunkt. Aber angesichts der Fahrzeugflotten, die nach heutigem Stand auch 2030 und darüber hinaus mit Verbrennern unterwegs sein werden, sowie vor dem Hintergrund der weiteren Wachstumsfelder im Bereich Convenience, gehe ich, Stand heute, schon davon aus, dass es auch in Zukunft noch Tankstellen ohne Ladesäulen geben wird – manchmal vielleicht auch schlicht aus Platzgründen.

CS: Wird Aral, entsprechend den Plänen einiger Wettbewerber, E-Ladehubs etablieren, in die auch ein Shop-Konzept integriert werden könnte?
Bothe:
Für eine CO2-ärmere Zukunft braucht es gerade bei zunehmender Mobilität verschiedene Ansatzpunkte, mit denen die CO2-Emissionen tatsächlich auch reduziert werden können. Die E-Mobilität ist einer davon. Um unseren Kundinnen und Kunden hier ein entsprechendes Angebot machen zu können, haben wir den Ausbau unserer Ladeinfrastruktur in den vergangenen zwei Jahren massiv vorangetrieben. Doch trotz ihrer bedeutenden Rolle wird sie nicht die einzige Technologie sein, die zur Dekarbonisierung des Verkehrssektors beitragen kann. Insbesondere im Schwerlastverkehr sehen wir, neben Ladestationen für E-Trucks – wir haben jüngst Europas ersten Ladekorridor für E-Lkw eröffnet– auch Bio-LNG, Bio-CNG und Wasserstoff.

CS: Welche Rolle werden nach Ihrer Einschätzung für Aral neue Konzepte wie Swapping-Stations spielen? Werden sie eine Chance bekommen?
Bothe:
Swapping-Stations sind eine interessante Alternative. Deshalb haben wir in Berlin, an unserem Mobility Hub, beispielsweise einen Swobbee-Wechselautomaten für E-Bikes, Lastenräder und Kleinfahrzeuge aufgestellt, um diese Angebote zu testen. Bislang gibt es allerdings zu wenige kompatible Fahrzeuge, als dass ein flächendeckender Ausbau aktuell sinnvoll wäre. Sobald sich mehr Fahrzeughersteller für dieses System entscheiden, wird es auch für uns interessant, diese Automaten aufzustellen.

CS: Und wie verhält es sich mit den in der vergangenen Zeit heftig diskutierten E-Fuels, die besonders die Mineralölgesellschaften ja als Alternative weiter befürworten?
Bothe:
Was E-Fuels und andere entsprechende Kraftstoffe angeht, kann ich Ihnen sagen, dass wir grundsätzlich alle Maßnahmen für die Energiewende, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, wirtschaftlich und bezahlbar sind, unterstützen wollen – dabei sollten aber möglichst alle drei Kriterien erfüllt sein. Und für schwer zu dekarbonisierende Verkehrsträger können aus unserer Sicht, neben anderen synthetischen Kraftstoffen, auch E-Fuels mit dazu gehören. Diese sind nach unserer Auffassung im Vergleich zu alternativen, CO2-ärmeren Kraftstoff-Optionen jedoch aktuell in einem jetzt überschaubaren Zeitraum nicht wettbewerbsfähig und werden es wahrscheinlich auch in naher Zukunft noch nicht sein.