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Kiranas Indiens Tante Emma

Indien verfügt über 12,5 Mio. Kleinflächen , die in der Regel nicht nennenswert größer sind als ein typisch deutscher Kiosk. Dabei übernehmen sie viel mehr Funktionen, als nur den reinen Warenverkauf.

Wenn in Deutschland von wohnortnahen Einkaufsstätten gesprochen wird, dann hat das auch viel mit Schnelligkeit und Bequemlichkeit zu tun. In Indien sind die Nahversorger zudem ein elementares Element der täglichen Versorgung. Ein Blick hinter die Kulissen dieser so genannten Kirana-Stores gibt PlanetRetail, das globale Nachrichten- und Beratungsunternehmen, unter besonderer Berücksichtigung, dass in dem südasiatischen Land mit 1,34 Mrd. Einwohnern auf knapp 100 Einwohner etwa ein Geschäft kommt. In Deutschland ist es etwa ein moderner Lebensmittel-Einzelhandelsladen auf 1.920 Einwohner.

Der Großteil (87 Prozent) des indischen Einzelhandels liegt in den Händen von kleinen, unabhängigen Familienbetrieben. Kirana Stores, die selten größer als 30 bis 40 qm sind, werden zwar im Stil von traditionellen Tante-Emma-Läden geführt, sind aber auf Grund ihrer Omnipräsenz ein wichtiger Partner für die Konsumgüter-Hersteller.

Die Nachfrage nach Convenience-Artikeln wird in Indien künftig noch steigen. Sie ist aber nicht allein auf die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen zurückzuführen. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass der Verkehr in indischen Großstädten dermaßen stark von Staus geprägt ist, dass ein Großeinkauf mit dem Auto in einer der dünngesäten modernen Großflächen des Landes so selten wie möglich getätigt wird. Der tägliche Bedarf wird in den Kiranas gedeckt.

Zu deren Sortiment gehören oft sowohl lose Produkte wie Reis oder Kartoffeln, aber auch verpackte Waren von einheimischen und internationalen Herstellern. Viele dieser Geschäfte liegen in der unmittelbaren Nachbarschaft zu komplementären Läden, die ihrerseits bestimmte Lebensmittel, Kleidung oder Werkzeugmaterial anbieten. So entsteht an solchen Stellen quasi ein Einkaufszentrum aus zahlreichen Kleinflächen.

Marktforschung nah am Kunden

Die Kleinflächen vereinen alle Vorteile eines klassischen Tante-Emma-Ladens: Sie sind einfach und schnell erreichbar, bis zu 16 Stunden am Tag geöffnet, bieten die Möglichkeit, Produkte auf Kredit zu kaufen, und die Ware wird auch nach Hause geliefert – kostenlos. Ein Service, der vor allem dadurch ermöglicht wird, dass man einander kennt. Der Ladenbesitzer kommt selbst aus dem Viertel. Er hat das Geschäft höchstwahrscheinlich von seinem Vater geerbt und schon als Kind ausgeholfen.

Da Kleinhändler ein enges Verhältnis zu ihren Kunden haben, sind sie für Hersteller eine ergiebige Quelle, Kundenbedürfnisse zu erforschen. Dies kann durch Interviews geschehen oder durch die Auswertung digitaler Tools. Auch für Kiranas selbst ist es sehr wichtig, die Kundenwünsche zu kennen. Die Margen sind nämlich gering, so dass sie sich Ladenhüter gar nicht leisten können. Übrigens: Auch in Indien gibt es einen Begriff für den Ladenbesitzer, der wie die Tante Emma auf eine familiäre Bindung hinweist. Man spricht vom „Bhaiya“ – dem großen Bruder.

Konsumgüterhersteller sind in Indien gut beraten, wenn sie eine große Anzahl unabhängiger Händler erreichen, denn dort gilt, Umsatz über Masse und nicht über den Preis zu machen. Auch wenn das Einkommen der Inder stetig steigt, stößt das Ausgabevolumen doch schnell an seine Grenzen. Zum Vergleich: Aktuell liegen die deutschen Konsumenten-Ausgaben pro Kopf 22 mal höher als in Indien.

Auch in Indien brechen Kirana-Betreiber ungern traditionelle Beziehungen ab, um zum Beispiel mit neuen Distributoren oder Großhändlern zu kooperieren, selbst wenn diese deutlich günstigere Konditionen haben. So liegt gerade im Bereich der Produktbeschaffung ein großes Potenzial zur Effizienzsteigerung. Hier sollten moderne Großhändler vor allem Wege finden, wie sie ein Kreditsystem bereitstellen. Das Fehlen eines solchen führt meistens dazu, dass Kleinladenbesitzer sich gegen diese modernere Form der Beschaffung entscheiden.

Modernisierung des Handels

Unter Modernisierung des Einzelhandels kann in dem südasiatischen Land vor allem die Technisierung der Kiranas verstanden werden. Und die wiederum wird nicht zuletzt mit dem Kampf gegen Steuerhinterziehung durch den Staat gefördert. Da die Benutzung von Internet und vor allem von Smartphones in jeglichen Einkommensschichten stetig zunimmt, werden digitale Tools auch in den Stores integriert. Zum Beispiel nutzt Amazon über seine Plattform Kirana Now in manchen Städten die kleinen Läden als Abholstationen. Das ist wissenswert für die Hersteller, damit sie bei der Produktentwicklung darauf achten, dass ihre Produkte nicht nur leicht zu verschicken, sondern auf kleiner Flächen auch zu lagern sind. Jenseits der modernen Plattformen erfolgt die Digitalisierung des indischen Handels übrigens auch mit einfachsten Mitteln – so etwa einer Warenbestellung in einem Kirana per Whats-App.