Die Fachzeitschrift Lebensmittel Praxis (LP) hat kürzlich, gemeinsam mit ihren Schwesterzeitschriften der Unternehmensgruppe Landwirtschaftsverlag, Top Agrar und Essen & Trinken, die Initiative Standort Deutschland gegründet. Denn die Lebensmittel-Branche beweist unter schwierigen Bedingungen bemerkenswerte Stabilität. Sie investiert trotz allem, sichert Arbeitsplätze und ein wichtiges Stück Souveränität. Es lohne sich, darüber zu sprechen, weil Schwarzmalerei den Mut raube, ist LP-Chefredakteur Hendrik Varnholt überzeugt. Er hat für CS noch einmal seinen Standpunkt zum Thema zusammengefasst:
Es herrscht Ausnahmezustand in der Gesellschaft, in der Gesamtwirtschaft – und in der Lebensmittelbranche. Die Laune der Unternehmer und ihrer Kunden liegt seit Jahren schon unter der Nulllinie. Und was wirklich dramatisch ist: Zucken die von Marktforschern gezeichneten Stimmungskurven nach oben, folgt verlässlich ein Rückschlag: Nach der Pandemie ließ Putin in die Ukraine einmarschieren, dann wählten die Amerikaner einen unberechenbaren Präsidenten, der schließlich mit seinem Zollwahn noch viele Prognosen übertraf. Die Trübsal im Land gerät gefährlich: Sie verstärkt sich von selbst, sie nimmt dem besten Unternehmer schleichend den Mut. Vor allem: Sie ist in ihrem Ausmaß weit übertrieben, denn die Lage ist besser als die Laune.
Konsumieren hilft
Denn auch das belegen die Kurven der Marktforscher eindrücklich: Seit vier Jahren mindestens schätzen sowohl Lebensmittelhändler als auch -hersteller ihre Zukunftsaussichten um Längen schlechter ein als die aktuelle Situation. Als im Herbst 2022 der Pessimismus in der Lebensmittelwirtschaft ein historisches Ausmaß erreichte, folgten im Gegensatz zu den Selbstprognosen eher Stagnation und zeitweise sogar Verbesserungen der tatsächlichen Lage. Manche Wirtschaftsforscher bauen denn auch auf die Konsumgüterhändler und -hersteller: Die Hans-Böckler-Stiftung etwa sagt eine „binnenwirtschaftlich getriebene Trendwende“ voraus. Das Konsumklima werde sich „mit der abnehmenden wirtschaftspolitischen Unsicherheit aufhellen“. Die Ausgaben der Verbraucher in Deutschland können praktisch nur steigen – es fragt sich allenfalls, wann. Den Deutschen fehlt im Durchschnitt nämlich nicht das Geld zum Konsumieren, sondern die Lust darauf.
Konsumenten täuschen sich
Dabei wird es nicht bleiben – zumal die Konsumenten im Moment einer Täuschung unterliegen. Laut einer Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft schätzen sie die Inflationsrate des vergangenen Jahres im Durchschnitt auf 15,3 Prozent. In Wirklichkeit lag die Teuerung insgesamt nur noch bei 2,2 Prozent. Die Preise für Lebensmittel stiegen um lediglich 1,9 Prozent. Die Inflation hat sich also normalisiert. Nachrichten, die die Laune steigern könnten, aber dringen momentan offenbar genauso wenig zu den Verbrauchern wie zu den Unternehmensverantwortlichen durch: Der GfK-Konsumklimaindex ist nach wie vor tiefrot. Das Verbesserungspotenzial ist also groß. Damit es frei wird, braucht es allerdings eine gute Politik. Die neue Bundesregierung muss außenpolitische Unsicherheit mit Verlässlichkeit im Inneren kontern. Die geplanten Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung müssen so schnell wie möglich fließen. Weil sich wieder das Gefühl einstellen muss, dass es vorangeht im Land. Um die Trübsal zu überwinden, braucht es sichtbare Zeichen der Besserung. Aber dafür gilt es, eine Reihe von Schwierigkeiten zu überwinden. Im Zentrum der Standortprobleme stehen die Energiepreise: Ihr plötzlicher Anstieg war Auslöser für die anhaltende Mutlosigkeit – und macht die Herstellung vieler Produkte in Deutschland tatsächlich unwirtschaftlich. Zudem hemmt die Bürokratie das Wachstum. Deren Auswüchse bezeichneten rund ein Fünftel der kleinen und mittleren Lebensmittelhersteller in einer Umfrage jüngst als existenzgefährdend. Die Arbeitsproduktivität, also die Wirtschaftsleistung je Arbeitsstunde, ist in Deutschland im vergangenen Jahr spürbar zurückgegangen. Daran hat der steigende Bürokratieaufwand offensichtlich einen Anteil.
Überzeugendere Antworten
Im wichtigsten Ranking der Wirtschaftsstandorte ist Deutschland denn auch nach unten gerutscht. Dessen Verfasser, Wissenschaftler des Schweizer International Institute for Management Development, sortieren die Bundesrepublik nur noch auf Platz 24 ein – und halten das Land damit sogar für weniger attraktiv als Staaten, in denen archaische Rechtsnormen Frauen unter die Vormundschaft ihrer Männer stellen oder die zuweilen unter Raketenbeschuss stehen. Über das Ranking lässt sich streiten. Unabhängig davon zeigt es, wie internationale Investoren Deutschland wahrnehmen: als Land, dessen Behörden zunehmend ineffizient arbeiten und dessen Infrastruktur bröckelt. Dabei darf es nicht bleiben. Die Strukturprobleme drängen. Das Gute aber ist: Die Politik verspricht heute überzeugendere Antworten als noch vor Kurzem. Develey-Chef Michael Durach etwa lobte im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis, dass der schwarz-rote Koalitionsvertrag „Abschreibungen vorsieht, die Investitionen belohnen“. Auch die in der Wirtschaft unbeliebte Erhöhung des Mindestlohns dürfte positive Wirkung auf die Konsumgüterindustrie haben– so sieht es jedenfalls der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher. Er hat sich wiederholt für die im Koalitionsvertrag vorgesehene Erhöhung auf 15 Euro ausgesprochen – auch weil dies für mehr Konsum sorge.
Es ist nichts verloren – für die Lebensmittelbranche schon gar nicht. Allem Pessimismus zum Trotz veranschaulichen Indikatoren, was noch im Standort Deutschland steckt. Vollsortimenter wie Edeka und Rewe haben im vergangenen Jahr Marktanteile von den Discountern zurückgewonnen, wie die LP jüngst auf der Basis einer Studie von Nielsen-IQ-Tradedimensions gezeigt hat. Handelsmanager wie Globus-Chef Matthias Bruch berichten, dass das Interesse an Premiumprodukten steigt. Viele Unternehmen der Konsumgüterindustrie investieren – und treiben damit den Umbau zu einer Wirtschaft, die an neue Standortbedingungen angepasst ist, voran. Und dafür gibt es nicht allein anekdotische Belege: Laut einer im Februar veröffentlichten Umfrage der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie wollen in den nächsten zwei bis drei Jahren 59 Prozent der Branchenunternehmen ihre Ausgaben für Investitionen – inflationsbereinigt – erhöhen oder „etwa gleichbleibend fortsetzen“.