Bildquelle: Aral

Hochrisikogeschäft Tankstelle mit Shop

Die meisten Tankstellen und auch Pächter-Stationen haben offenbar den Lockdown überstanden. Viele haben eine bemerkenswerte Eigeninitiative entwickelt. Doch noch ist die finanzielle Krise nicht bewältigt. Steuerschulden und Pachtnachzahlungen drohen.

Die Krise hat manche Tankstellen-Pächter geradezu beflügelt. Ein Beispiel dafür ist Hani Saglam. Sie ist Pächterin einer Aral-Station im pfälzischen Limburgerhof. Während der Lockdown-Phase bot sie einen Lieferdienst für ältere Menschen an, nahm Desinfektionsmittel, das sehr gut nachgefragte Toilettenpapier und auch Mehl in ihr Sortiment auf, offerierte ein breites Lebensmittel-Angebot und öffnete darüber hinaus ihren Shop von morgens vier Uhr bis abends um 23 Uhr. Der Store wurde quasi zum Nahversorger des Ortes. Trotzdem musste Saglam für die Zeit der Kontaktbeschränkungen einräumen, „gerade umsatzmäßig abzustürzen. Aber wir werden das irgendwie packen“. Das sagte sie der regionalen Tagezeitung zu ihrer wirtschaftlichen Lage während des Lockdowns.

Fast alle Tankstellen-Betreiber standen vor dieser Situation. „Generell war und ist Corona besonders für kleine Tankstellenpächter ohne dicke Kapitaldecke eine große Herausforderung“, bestätigt Jochen Wilhelm, Geschäftsführer des Tankstellen Interessenverbandes, TIV, gegenüber unserem Magazin. Ursache dafür ist offensichtlich der deutlich zurückgegangene Kraftstoffabsatz. In den Monaten März, April und Mai brach das Geschäft um bis zu 50 Prozent ein. Darauf weist auch Jürgen Ziegner, Geschäftsführer des Zentralverbands des Tankstellengewerbes, ZTG, hin. Allerdings seien viele Tankstellenpächter relativ gut durch die Krise gekommen, so seine Einschätzung. Nicht nur Kurzarbeit habe dabei geholfen, sondern auch das veränderte Einkaufsverhalten vieler Konsumenten. Sie hätten die Tankstellen-Shops während der Krise als Nahversorger wahrgenommen. Das habe teils erheblich steigende Shop-Umsätze bewirkt. Geholfen habe auch das über lange Zeit gute Wetter. Die Folge sei „ein ansteigendes Waschgeschäft gewesen“ – jedenfalls da, wo es möglich war. Dem schließt sich auch Jochen Wilhelm an: „Die Convenience-Produkte haben auch neue Käuferschichten angezogen, so dass es unterm Strich gut war, die Regale voll zu haben“, kommentiert er.

Aber es gibt auch Stimmen in der Branche, die das anders sehen. Sie sprechen von „geringerer Frequenz in den Shops“ als Folge des Lockdowns. Zwar stieg demnach in den Tankstellen Shops der Umsatz bei Tabakwaren, teilweise bis zu 20 Prozent. Bei Getränken und im Bistro waren die Absätze demnach aber rückläufig und somit fehlt nun der notwendige Ertrag, um die Kosten zu finanzieren. Seit Mai jedoch entwickeln sich die Absätze wieder nach oben, liegen aber immer noch unter dem Vorjahresniveau.

Vielfalt und Verfügbarkeit
Die gute Erreichbarkeit und die längeren Öffnungszeiten auch während der Krise sprechen tatsächlich für eine positive Entwicklung des Shop Geschäfts, insbesondere bei Zigaretten und Feinschnitt. Ziegner zählt darüber hinaus E-loading-Produkte, Getränke und Zeitschriften, teilweise auch das Coffee-To-go-Angebot, zu den Pluspunkten im Sortiment. Sie zeigten – seiner Bewertung nach – steigende Umsätze. Vielfalt und Verfügbarkeit seien während der Krise die Chance der Stunde gewesen, urteilt Jochen Wilhelm. Ziegner leitet dagegen aus den Erkenntnissen der vergangenen Monate ab, dass an vielen Standorten kein Riesen-Portfolio erforderlich sei, sondern eine gezielte Auswahl an Shop-Angeboten genüge. So sei ein Rückgang der Abschriften möglich.

Doch die Konsequenzen deuten weit darüber hinaus: Der ZTG-Geschäftsführer meint, bei vielen Pächtern habe sich gezeigt, dass Liquidität und Eigenkapital für einen Krisenfall nicht ausreichten. Als Grund dafür nennt er das „Einkommen, das den Pächtern in der Vergangenheit von einigen Gesellschaften zugestanden“ wurden. „Das muss sich unbedingt ändern“, ist seine Forderung. Manche Mineralölgesellschaft werde vielleicht im Laufe des Jahres noch einsehen müssen, dass sie Pachtstundungen in einen Pachterlass umwandeln muss. Auch der TIV-Geschäftsführer hält das System für sehr fragil. „Für uns ist die Haupterkenntnis, dass in dem Hochrisikogeschäft ‚Tankstelle mit Shop‘ deutlich mehr verdient werden muss .“ Ein Tankstellenunternehmer, der fünf Millionen oder mehr jedes Jahr drehe, selbst aber nur ein Jahresergebnis von 30.000 bis 40.000 Euro vor Steuern, Altersvorsorge und Krankenversicherung habe, halte solche Nackenschläge nicht aus. Wilhelms Vermutung: „Ohne Kurzarbeit und Nothilfen der Mineralölgesellschaften wären viele Tankstellenbetreiber untergegangen.“

Das Schlimmste ist jedoch noch nicht vorbei. Davon sind viele Marktkenner überzeugt. Sie prognostizieren, als Folge werde es beginnend im letzten Quartal des Jahres fortlaufend bis 2021 erhebliche Liquiditätsprobleme an den Pächter-Stationen geben. Dann würden Pachten zurückgefordert, Einkommens- und Gewerbesteuer-Stundungen müssten zudem im ersten Quartal 2021 nachgezahlt werden. Das gelte auch für Soforthilfen, was einigen Betreibern nicht bewusst sei. Insider fordern deshalb die Mineralölkonzerne auf, Pachterstattungen oder nicht zurückzahlbare Betriebskosten-Zuschüsse zu gewähren. Wenn das nicht geschehe, drohe vielen Pächtern der finanzielle Kollaps.

Auch in der Krisensituation selbst wurden die Pächter zu oft allein gelassen. „Unsere Mitglieder haben von wirklich starker Unterstützung nicht viel gespürt; auch wenn mancherorts die Stundung der Pachtzahlungen sehr hilfreich war“, meint Jochen Wilhelm. Geholfen haben auch verlängerte Zahlungsziele bei Tabakwaren. Pachtreduzierungen, die die Lage verbessert hätten, gab es aber offenbar nicht. Sogar den Spukschutz mussten die meisten Mitglieder des TIV selber organisieren. Das sei gewollt falsch verstandenes „Unternehmertum“, bringt es Jochen Wilhelm auf den Punkt.

Dennoch legen einige Pächter immer wieder eine erstaunliche Motivation an den Tag. Dazu gehört sicherlich auch Tankstellen-Betreiberin Hani Saglam aus Limburgerhof. Ihr Lieferdienst ist in dieser Hinsicht beispielhaft, auch wenn er wohl schwer umzusetzen war. Denn die Personaldecke ist in Tankstellen aufgrund der restriktiven Personalkostenplanung durch die Betreiber-Gesellschaften sehr dünn.