Tabakwaren Drei Fragen an zwei Insider

Jonny Natelberg, bei Lekkerland für die politische Kommunikation verantwortlich, und Bernd Eßer, Geschäftsführer der DTV-Tabakwaren-Vertriebsgesellschaft, sind Vordenker. Convenience Shop befragte sie zur kurzfristigen Umsetzung der TPD und zur langfristigen Ausrichtung der Warengruppe Tabak.

Donnerstag, 05. September 2013 - Tabak
Ulrike Pütthoff
Artikelbild Drei Fragen an zwei Insider

Inhaltsübersicht

Frage 1: Wie stehen Sie bzw. Ihr Unternehmen grundsätzlich zu den geplanten Maßnahmen der EU?

Frage 2: Wie schätzen Sie die Zukunft dieser bedeutenden Warengruppe ein?

Frage 3: Gibt es in Ihrem Unternehmen bereits Überlegungen, wie am PoS verfahren werden soll, wenn Schockbilder auf den Zigarettenverpackungen Pflicht werden?

Jonny Natelberg:

1: Junge Menschen davor zu bewahren, mit dem Tabakkonsum zu beginnen, ist ein zentrales gesellschaftliches Ziel. Dazu sind u.a. Attraktivität und Suchtpotential der Produkte möglichst zu reduzieren. Lekkerland sieht deshalb in der Tabakproduktrichtlinie und ihrer Fortentwicklung einen wichtigen Schritt hin zur Suchtprävention. Als Großhändler tragen wir selbstverständlich Mitverantwortung für den gewissenhaften Umgang mit Tabakprodukten. Das tun wir dort, wo unser Einfluss am größten ist und unser Handeln unmittelbare Konsequenzen zeigt: im Dialog mit unseren Kunden an der Verkaufsstelle.

Für den Handel und Verkauf von Tabak am Point of Sale gelten die Gesetze unserer offenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb. Gravierende Einschränkungen des Wettbewerbs, wie sie die Tabakproduktrichtlinie vorsieht, müssen eingehend politisch abgewogen werden. Die Entscheidung sollte weder den Gesundheitsschutz noch die Gebote der Marktwirtschaft außer Acht lassen. Dem Point of Sale, insbesondere den kleinen Fachhändlern, Kiosken und Tankstellen, kommt eine wichtige Rolle für den schnellen Einkauf unterwegs und als Treffpunkt vor Ort zu. In den von Lekkerland belieferten Verkaufsstellen werden die Waren vom geschulten Servicepersonal ausgegeben. Dadurch kann der Einhaltung gesetzlicher Vorgaben wie beispielsweise des Jugendschutzes bestmöglich nachgekommen werden. Aber unverhältnismäßige Restriktionen können gerade bei den kleinen Fachhändlern, Kiosken und Tankstellen zu erheblichen Umsatzeinbußen führen. Auch kann eine zu restriktive Regulierung die Attraktivität des Point of Sales derart mindern, dass eine Abwanderung des legalen Geschäftes in die Illegalität droht.

2: Auf der einen Seite belegen Studien, dass Horrorbilder auf Zigarettenpackungen die Raucher nicht vom Konsum dieser Produkte abhalten. Als viel wirksamer haben sich Präventions- und Informationsmaßnahmen erwiesen. So wurde z.B. in Deutschland der Anteil jugendlicher Raucher in den vergangenen zehn Jahren mehr als halbiert, von 27,5 Prozent auf 11,7 Prozent (2011). Für die etwa 20.000 Kioske und andere Kleinverkaufsstellen ist Tabak aber ein wichtiger Bestandteil des Geschäfts, der nicht nur Frequenz bringt, sondern auch 50 Prozent des Umsatzes ausmacht. Die Werbung im Geschäft ist für sie wirtschaftlich unverzichtbar. Wenn nun aber Schock-Warnbilder auf Zigarettenpackungen und Feinschnitt-Beuteln zur Hauptsache des Erscheinungsbilds dieser Produkte würden, würden sie sich in ein Horrorkabinett verwandeln und ihre Attraktivität als Kommunikations- und laufnaher Versorgungspunkt dramatisch sinken. Wenn diese Läden zumachen, hat das weiter reichende Folgen als mancher Politiker ahnt. Viele sind zugleich Lotto- und Toto-Annahmestellen, die fußläufig erreichbar sein sollten. Nicht zuletzt deshalb, weil über 60 Prozent der Lotto-/Toto-Spieler über 50 Jahre alt sind.

3: Selbstverständlich machen wir uns bereits Gedanken darüber, wie unseren Kunden ihre Geschäfte attraktiv halten. Derzeit gibt es aber noch keine Einigung über die Ausgestaltung der Richtlinie aus Brüssel. Denn das notwenige Triolog-Verfahren kann erst nach der ersten Lesung im europäischen Parlament im September erfolgen. Wir müssen abwarten, wie die endgültige Einigung der drei Organisationen Rat, Parlament und Kommission über die Richtlinie genau aussieht und was sie genau vorschreibt. Erst dann können wir Maßnahmen erarbeiten.


Bernd Eßer:

1: Die in Großunternehmen geläufige Erkenntnis: ‚Jemand wird bis zu seiner absoluten Inkompetenz befördert, eher er abstürzt.‘, könnte man auf die EU und deren Umgang mit der Tabakrichtlinie übertragen. Hier drehen Politiker und Beamte an Stellschrauben, bis die schließlich absolut überdreht sind. Vor diesem Punkt stehen wir bei der aktuellen Verschärfung der TPD.

Die Entsachlichung im Umgang mit Tabak feiert Triumphe. Da wird der englische Premier von seinen australischen Ministerkollegen beschimpft, weil er (zunächst) nicht das australischen Beispiel bei den Zigarettenpackung umsetzten lässt. Die Diskussion über den Umgang mit Tabakprodukten ist in der EU zu einem Glaubensthema hochstilisiert worden, mit Gesundheitsaktivsten in der Rolle der Radikalen. Packungen ohne Markenlogo oder ohne erkennbare Markenoptik erinnern an Zeiten der chinesischen Kulturrevolution. Wieder wird Gleichmacherei als Heilmittel gepredigt. Die Chinesen haben diesen Irrweg längst verlassen. Der riesige Beamtenapparat der EU sieht sich aber anscheinend in der Zusammenarbeit mit Gesundheitsaktivisten berufen, den Menschen in der EU immer strenger Vorschriften machen zu dürfen. Wie soll er auch sonst seine Daseinsberechtigung nachweisen.

2: Was die Zukunft der Warengruppe Tabak angeht, sehe ich wachsenden Ärger und auch eine Zunahme der Erkenntnis, dass sich die EU weit über die ihr übertragenen Rechte Regelungskompetenz anmaßt ... und dabei auch Markenrechte ignoriert. Man muss also fragen: Wann erkennen die deutschen Abgeordneten, dass sie von der EU kaltgestellt werden? Auch die Raucher werden ihre wachsende Bevormundung nicht endlos hinnehmen. In der mittleren Altersgruppe rauchen rund 40 Prozent der Deutschen. Damit ist doch klar, dass man eine so große Gruppe nicht einfach wegdrangsalieren kann. Tabak ist eines von mehreren legalen Genussmitteln unserer Gesellschaft, dem genussfeindliche Gruppen den Kampf angesagt haben. Nicht nur bei Tabak sollen wir künftig immer mehr bevormundet werden. Hinzunehmen ist das nicht. Im Einzelhandel glaube ich erkennen zu können, dass die Probleme bei den Kosten wachsen und damit bei den Erträgen. Kleine Einzelhändler stehen vor der Herausforderung ihres Lebens. Selbstständigkeit wird zu einem wachsenden Risiko. Händlern muss es darum gelingen, mit dem richtigen Sortiment und Serviceleistungen die Kunden zu binden. Tabakwaren als Frequenzbringer werden ihre Position behaupten.

3: Solange am PoS die Präsentation von Tabakwaren nicht verboten ist, wird sich in den Regalen kaum etwas ändern. Auch an Packungen mit Schockbildern wird sich ein Raucher gewöhnen, wie er sich an die Warnhinweise gewöhnt hat. Ihre Frage zielt wohl auf etwas anderes. Wie gehen Hersteller mit großflächigen Schockbildern auf den Packungen um? Will man die Packungen wie bisher im Regal platzieren? Kann man die Packungen vielleicht legen ... und man sieht dann nur den Markennamen auf dem Kopf der Packung? Die Frage geht also an die Industrie.

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