NimmEssMit Ein besonderer Convenience-Shop

„NimmEssMit“ im Bahnhof von Castrop-Rauxel ist ein besonderer Convenience-Shop. Doch nicht der Store selbst, sondern das Konzept, in dem behinderte Menschen verantwortlich arbeiten, macht den Unterschied.

„NimmEssMit“ ist der Name eines Bahnhof-Kiosk, dessen Angebot sich auf den ersten Blick wenig von den Sortimenten andere Convenience-Stores an ähnlichen Standorten unterscheidet: Zeitschriften, Tabakwaren, Süßwaren, kleine Snacks wie Sandwiches, Salate und Pizza sowie Getränke und damit eine Produktpalette, die auf den Unterwegs-Konsum von Pendlern abgestimmt ist. Auch eine Lottoannahmestelle findet dort ihren Platz. Standort ist das Empfangsgebäude des Hauptbahnhofs Castrop-Rauxel, einer Stadt im Ruhrgebiet, zwischen Dortmund und Bochum, mit rund 75.000 Einwohnern.

Werken, Wohnen und Lernen
Ungewöhnlich: Hinter „NimmEssMit“ steht als Betreiber die Wewole-Stiftung aus Herne und Castrop-Rauxel. Das Kürzel Wewole steht für Werken, Wohnen und Lernen. Stiftungszweck ist es, den Rechtsanspruch von Menschen mit Behinderungen auf selbstbestimmtes Wohnen und Arbeiten mit entsprechenden Angeboten zu erfüllen. „Das ,NimmEssMit` ist für uns deshalb mehr als ein Kiosk. Wir sehen ihn als einen Bedarfs-Supermarkt mit hochwertigen Angeboten für die Kunden und hochwertigen Arbeitsplätzen im Service und Verkauf für Menschen mit Behinderungen“, erklärt Rochus Wellenbrock, Vorsitzender der Wewole Stiftung. In einer Küche hinter dem Verkaufsraum werden Snacks frisch zubereitet. Produkte aus den Wewole-Werkstätten, wie Geschenk-und Grußkarten oder Gestecke aus der Floristik der Stiftung, runden die Produktpalette im Hauptbahnhof ab.

Als Eigentümerin des Empfangsgebäudes hatte Wewole seit Oktober 2018 einen hohen sechsstelligen Betrag in den Umbau des Erdgeschosses investiert. Die Umbau-und Einrichtungsarbeiten für den neuen Convenience-Store mit einer Verkaufsfläche von rund 150 Quadratmetern begannen Anfang April 2019. Die Eröffnung fand in der ersten Juli-Hälfte statt. Geöffnet ist der Convenience-Store werktags von 5 bis 18 Uhr und samstags von 6 bis 13 Uhr. Nur am Sonntag ist das „NimmEssMit“ geschlossen.

Ein Meilenstein
Zur Wewole gehört ebenfalls der gegenüberliegende Backshop „CAPuccino“. Der verfügt über eine Verkaufsfläche von 170 Quadratmetern. Shop und Backshop mit ihren 20 behinderten Mitarbeitern sind laut Wellenbrock für die Stiftung ein Meilenstein auf dem Weg, ein fester Bestandteil des sozialen Arbeitsmarktes zu werden.

Für den Betrieb von Kiosk und Café schlug die Wewole Stiftung einen völlig neuen und bundesweit bisher einmaligen Weg ein – als Franchise-Partner der Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Süd (Gdw süd).

Diese anerkannte Einrichtung der Behindertenarbeit versetzt Sozialunternehmen wie Wewole in die Lage, in der Gastronomie und im Handel sogenannte inklusive Arbeitsplätze zu schaffen, wirtschaftlich zu betreiben und dauerhaft zu erhalten. Denn sie werden direkt eingebettet in das gesellschaftliche Umfeld. „Durch diese Kooperation nutzen wir die Business-Kompetenz der Gdw süd in Bezug auf Standortbewertung, Einkaufskonditionen, Sortiments- und Marktgestaltung“, erklärt Wellenbrock.

Hochwertiges Design, eine großzügige Flächenaufteilung und elektronische Displays, die für Werbung benutzt werden, kennzeichnen die Optik von „NimmEssMit“. Zum Komfort für die Kunden des Bahnhof-Shops sollen auch digitale Informationen zum Zugverkehr beitragen.

 

Fragen an Rochus Wellenbrock, Vorsitzender der Wewole Stiftung, zum Start von NimmEssMit:

Wie sind die Arbeitsprozesse auf die Besonderheiten der Menschen mit Behinderung angepasst?
Rochus Wellenbrock: Ein gutes Beispiel ist die Zubereitung von belegten Brötchen. Die Anleitung besteht ausschließlich aus Fotos. Wir haben diese Arbeit in kleinste Schritte zerlegt. Jeder Teilschritt wie das Schneiden der Brötchen oder das Belegen mit einer Wurstscheibe ist mit einem Foto erklärt. Das funktioniert einwandfrei.

Was noch?
Der Kassiervorgang – ein hochgradig komplexer Prozess. Aber auch an der Kasse arbeiten ausschließlich Menschen mit Behinderung. Verkauft werden nur Artikel mit Barcode. Diese werden gescannt. Der Kunde hat dabei die Möglichkeit, mit Karte oder in bar zu bezahlen. Die Kasse ist mit einem Bargeldmanagementsystem ausgestattet, wie es beispielsweise auch in Tankstellen zum Einsatz kommt. Dabei werden Banknoten und Münzen von dem Kassensystem gezählt und automatisch das Wechselgeld ausgeworfen.

Ihr Konzept sieht vor, dass behinderte Menschen verantwortlich agieren. Ist das für die Kunden Ihres Shops im Bahnhof immer klar erkennbar?
Ja, und das soll so sein. Wir trommeln für derartige Projekte. Dabei kommt uns natürlich zugute, dass wir in der Region schon recht bekannt sind.

Wie gewinnorientiert müssen Sie bei NimmEssMit täglich arbeiten?
So wie jedes andere Einzelhandelsgeschäft auch. Verluste können und wollen wir uns nicht leisten.

Seit der Eröffnung sind jetzt rund drei Monate vergangen. Wie fällt Ihre erste Zwischenbilanz aus?
Vorbehaltlos gut. Wir sind bereits jetzt nach kurzer Zeit bei 90 Prozent des Umsatzes, den wir hier mittelfristig erreichen wollen.

Werden Sie am Sortiment Änderungen vornehmen?
Ja. Wir studieren natürlich aufmerksam die Renner-Penner-Listen und ziehen daraus regelmäßig die Konsequenzen. So läuft unser Kaffee-Automat noch besser als erwartet. Andererseits lässt der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften sehr zu wünschen übrig.

Wie entwickelt sich auf gesellschaftlicher Ebene der Umgang mit Menschen mit Behinderung?
Politik und Gesellschaft blicken heute völlig neu auf dieses komplexe Thema. Die Kultur des Behütens ist vorbei. Mit der UN-Konvention und dem Bundesteilhabegesetz haben Menschen mit Behinderungen einen Rechtsanspruch darauf, selbstbestimmt zu leben, zu arbeiten und zu wohnen. Das ist ein Quantensprung, der nach vielen neuen Angeboten der Teilhabe verlangt. Wir machen genau solche Angebote.