Strategiewechsel Aldi Süd stärkt Nahversorgung

Aldi Süd hat einen Strategiewechsel hin zu mehr städtischer Nahversorgung vollzogen. Mit seinen modernen City-Märkten, die er jetzt zusätzlich eröffnet, steuert der Discounter inzwischen wieder vermehrt deutsche Innenstädte an.

Dienstag, 06. März 2018 - Industrie
Hans-Jürgen Krone
Quelle: Gettyimages, Aldi

Inhaltsübersicht

Emsiges Treiben an einer Baustelle im rheinischen Hennef. In der Innenstadt wird ein neuer Aldi errichtet. Eigentlich nichts Besonderes, aber in diesem Falle schon. Denn der Discounter hat einen Strategiewechsel eingeläutet. Nachdem er sich seit Jahren aus vielen Innenstädten zurückgezogen und dafür an Stadträndern und Verkehrsknotenpunkten mit vielen Parkplätzen gebaut hat, nimmt er jetzt am Convenience- und Nahversorger-Spiel wieder teil.

Eine Entwicklung, die nicht überrascht, haben doch auch die großen und viele kleinere Lebensmittel-Einzelhändler dieses Geschäftsfeld wieder für sich entdeckt. Sie forcieren es, je nach Standort, mit unterschiedlichen Konzepten und Ideen. Dass Aldi hier zurückstehen würde, war von vorneherein nicht zu erwarten. In einem Brief der Unternehmensgruppe Aldi Süd an das Immobilienunternehmen, der dem Hennefer Stadtrat in öffentlicher Sitzung vorgelegt wurde, beschreibt der Discounter seinen Strategiewechsel: „Nachdem die Parkplatzfilialen in der Vergangenheit häufig als Ersatz für die Innenstadtfiliale gesehen wurden, wollen wir heute beide Formate nebeneinander. Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Kundenbedürfnisse sich im Hinblick auf zentrales Wohnen, Arbeiten und Versorgen deutlich geändert haben und dies immer noch tun.“ In den 50er, 60er und 70er Jahren habe man „überwiegend Innenstadtfilialen, weitestgehend ohne PKW-Stellplätze in Lauflagen in der Regel mit einer Verkaufsfläche von ca. 300 bis 500 qm“ betrieben. Ab den 90er Jahren sei man zunächst wieder in zentrale Stadtteillagen der Großstädte zurückgekehrt, allerdings mit großformatigen Verkaufsflächen zwischen 800 und 1.100 qm. Das wird es nun auch in Hennef geben.

Bei dem Aldi City-Markt-Konzept, so erläuterte der zuständige Architekt Heinz Hennes gegenüber der Stadt Hennef, werde aber „deutlich, dass es sich nicht um einen Markt im üblichen Sinne handelt, sondern um ein Konzept im städtischen Sinne“. Was das bezüglich des Sortiments heißt, machte Aldi Süd in seiner Projektbeschreibung deutlich: „Es wird in der Breite das gleiche Lebensmittelsortiment angeboten, wie an allen Aldi-Standorten. Dies erfolgt jedoch mit anderer Schwerpunktsetzung. So werden großvolumige Aktionsartikel wie z.B. Gartenmöbel etc. nur in sehr geringen Mengen ggf. auch gar nicht angeboten. Der Bereich Frische (Kühlware, Obst und Gemüse) wird deutlich breiter präsentiert, da dies erfahrungsgemäß von Innenstadtkunden am stärksten nachgefragt wird.“ Dafür würden im Gegenzug haltbare Lebensmittel, die meistens in großer Menge eingekauft werden, wie Milch, Getränke oder auch Waschmittel, „deutlich schmaler präsentiert, da diese auf Grund ihres Gewichts in aller Regel dann doch wieder in den Autofilialen eingekauft werden“.

Auch das Hennefer Projekt lässt sich allerdings nicht in Gänze als Beispiel für die gleichzeitige Rückkehr des Discount-Riesen zu kleineren Formaten heranziehen, über die derzeit viel spekuliert wird. Für die an dieser Stelle im Erdgeschoss eines Neubaus geplante 940 qm große Filiale musste nämlich der dort geltende Bebauungsplan der Stadt geändert werden, der hier nur Verkaufsflächen bis 800 qm vorsah. „Dieses City-Markt-Konzept zeichnet sich durch Neugestaltung im Inneren (größere Wegeflächen, geänderte Regal- und Vorratshaltungssysteme etc.) aus“, erläuterte das zuständige Immobilienunternehmen Clemens Wirtz gegenüber der Stadt Hennef. Außerdem sei es von einem auf den Innenstadtkunden angepasstes Sortiment mit vermehrter Frischware und Backwaren geprägt. Zur adäquaten Präsentation dieser Produkte sowie für eine entsprechend komfortable Innengestaltung des City-Marktes sei eine Verkaufsfläche von 800 qm nicht ausreichend.

Allerdings entstehen nicht an allen geeigneten innerstädtischen Standorten Neubauten, die dann die Nutzung solcher Räumlichkeiten in entsprechender Größe ermöglichen. Mieten in der City sind hoch und gute große Flächen rar, daher liegt die Vermutung nahe, dass Aldi Süd künftig dort auch wieder mit kleineren Flächen vertreten sein und mit ihnen, wie etwa Rewe-to-go, ein passendes Convenience-Angebot machen könnte. Der Grund für diese Einschätzung sind die konzeptionellen Weiterentwicklungen, die bei Aldi Süd in den vergangenen Jahren mitzuerleben waren und auch alle etwas mit Convenience-Shopping zu tun hatten. So ging man im Ladenbau weg von der früher üblichen Palettenoptik und bewegte sich hin zu mehr Gestaltung und Aufenthaltsqualität. Im Sommer vergangenen Jahres kündigte Aldi Nord in diesem Zusammenhang „das größte Projekt in der Geschichte der Unternehmensgruppe Aldi Nord“ an (siehe dazu den Kasten Umbauprojekt Nord). Aufenthaltsqualität wurde auch in Vorkassenzonen gebracht, durch den Test von Kaffeeautomaten mit kleinen Aufenthaltszonen. Dazu kommen Sortiment-Veränderungen wie das Angebot von frischen Backwaren. Vor wenigen Tagen gab Aldi Süd bekannt, dass es unter der Marke „Meine Backwelt“ künftig ein erweitertes Brot- und Backwaren-Angebot einführt: „Neben verschiedenen Brot- und Brötchen-Sorten beinhaltet das Backsystem im modernen Design auch Convenience-Artikel. Je nach Standort umfasst das Sortiment bis zu 40 Artikel, die von den Mitarbeitern in der Filiale frisch gebacken werden. Aldi Süd rüstet in den nächsten Jahren seine Filialen sukzessive auf das manuelle Backen um“, teilt das Unternehmen mit.


To-go-Produkte und Gastro-Kompetenz

Bereits vor einiger Zeit wurden besondere Regale mit frischen To-go-Produkten aller Art installiert. Weniger strikt wird auch das Thema Markenprodukte bei Aldi Süd inzwischen gehandelt. Diese neue Strategie, die von Analysten natürlich vor allem als Reaktion auf die Aktivitäten des Wettbewerbers Lidl gedeutet wurden, ist sicherlich auch essentiell für eine Aufstellung im Convenience-Markt. Gerade im Bereich der Impulsprodukte wie Süßwaren aber auch bei Getränken ist in den Shops die Kraft der relevanten Markenprodukte ungebrochen. Die Kunden erwarten für ihre schnelle Entscheidung das vertraute Angebot. Das ist auch in den Rewe-to-go-Shops, in denen ansonsten durchaus so manche Rewe-Eigenmarke platziert ist, klar zu sehen. Deutlich markenmäßig aufstocken müsste Aldi natürlich bei Tabakwaren. Fehlt noch die Gastro-Kompetenz. Auf die verzichtet allerdings auch das Rewe-to-go-Konzept weitgehend, zumindest inhouse. In anderen C-Shops spielen solche Angebote einschließlich Sitzgastronomie eine nicht unerhebliche Rolle. Aber auch das scheint für den Discounter kein Problem zu sein. Hier hat Aldi kürzlich mit seinen Pop-up-Restaurants durchaus bewiesen, dass es in der Lage ist, solche Angebote auf kleiner Fläche, die auch zu Image und Unternehmen passen, anzubieten.

Mehr Dienstleistungen im Angebot

Schließlich ist zu beachten, dass Süd und Nord auch Dienstleistungen aller Art - sicherlich kein unwesentliches Element im Convenience-Geschäft - forcieren: Dazu gehört das Geschäft rund um Aldi-Talk. Und seit 2017 auch der Verkauf von Geschenkkarten, die man mit unterschiedlichen Summen aufladen kann. Außerdem sind seit vergangenem Jahr auch Guthabenkarten von Anbietern wie Netflix, Paysafe und Amazon im Angebot. Versorgen können sich Aldi-Kunden inzwischen auch mit alternativem Strom für zuhause, so genanntem Grünstrom. Bequemer geworden ist in den vergangenen beiden Jahren auch der Bezahlvorgang bei den Aldi-Unternehmen, so durch die Einführung von kontaktlosem Bezahlen per Kreditkarte und Handy im Jahr 2016 sowie 2017 mit der Girokarte. Dazu kommt die Akzeptanz von mehr Kreditkarten seit vergangenem Jahr.

Ergänzend dazu können Kunden seit Dezember 2017 erweitere Services im Online-Bereich des Unternehmens in Sachen Lotto nutzen. Rund um die Uhr haben sie auch Gelegenheit unter aldi-lotto.de an Lotterien des Deutschen Lotto- und Totoblocks teilzunehmen. Das Angebot umfasst die staatlichen Lotterien Lotto 6 aus 49, EuroJackpot, GlücksSpirale, Zusatzlotterie Spiel 77 und Zusatzlotterie Super 6. „Durch die staatliche Lizenz der Lottowelt AG und die Erfüllung der strengen gesetzlichen Vorgaben machen wir Online-Lottospielen für die Teilnehmer genauso sicher wie das Tippen am Kiosk – nur einfacher und günstiger“, so die Kampfansage von Vittorio Rotondo, verantwortlich für die Aldi Services bei Aldi Süd, an die Convenience-Konkurrenz. All diese Faktoren machen auch die so genannten Autofilialen natürlich zu einem potenziell noch relevanteren Wettbewerber für Tankstellen. Dies zumal sie jetzt auch in Deutschland, mit Hilfe der OMV Automatenzapfsäulen auf Aldi-Parkplätzen, die wichtigste Dienstleistung der Stationen angreifen. Dazu kommt beispielsweise die 2017 gestartete Carsharing-Initiative in Zusammenarbeit mit app2drive. Hier sollen im Rhein-Main-Gebiet auf einer wachsenden Zahl von Aldi-Parkplätzen etwa zwei bis fünf Fahrzeuge zur Verfügung stehen. Sollte dieser Versuch erfolgreich sein, so hieß es im vergangenen Oktober, sei eine Ausweitung auf das ganze Filialnetz möglich. Und schließlich das Thema Elektroantriebe. Für diese, ob am Fahrrad oder im Auto, hält Aldi Süd inzwischen 50 Schnellladestationen auf seinen Parkplätzen bereit.

Alle genannten Convenience-Elemente ließen sich sicherlich zu einem besonderen Shop-Konzept verdichten, das seinen Platz im deutschen Convenience-Geschäft finden würde. Spannend wird sein, ob man sich dafür convenience-erfahrene Partner sucht. Das Convenience-Business hat als Impuls-Geschäft seine ganz eigenen Regeln. Diese machen nicht die Handelsunternehmen, sondern die Kunden. Kurzfristige ganz große Würfe und Überraschungscoups sind deshalb auch von dem Discount-Riesen im Convenience-Geschäft nicht zu erwarten, beachtenswerte Convenience-Strategien allerdings schon.