Petro-Center One-Stop für Schlemmerer

Tankstellen-Shop, Supermarkt mit Blumen-Laden, Nahversorger oder vielleicht doch ein gastronomisches Format? Nach deutschen Maßstäben lässt sich das Petro-Center im luxemburgischen Leudelange nicht eindeutig zuordnen.

Rewe to go ist ihm nicht unbekannt. Und dass in Deutschland Gastrokonzepte in Handelsformaten implementiert werden, ist ihm auch geläufig. Doch Paul Kaiser hat seine eigenen Visionen und Ziele. Wie die aussehen, zeigt der Chef der Petro-Center S.A. im Großherzogtum Luxemburg am Unternehmenssitz in Leudelange. Mit seiner Strategie belegt er, dass es für das Angebot eines Tankstellen-Shops auf kleiner Fläche keine Grenzen geben muss. Seine Botschaft: Man muss sich nicht auf ein Impuls- und Snacks-Sortiment, ergänzt um Tabakwaren und Presseerzeugnisse, fokussieren. Die 400 qm dort sind belegt mit einem Vollsortiment, einem Bistro (80 qm), einem Blumenladen und einer Lotto-Annahmestelle – One-Stop-Shopping also. Dabei ist Kaisers Ehrgeiz, Umsatz und Ertrag vor allem über das Bistro-Geschäft zu erhöhen.

Als der Petro-Chef das gesamte Tankstellen-Netz von Esso in Luxemburg übernahm, gab eine Aussage seiner Frau den Ausschlag, berichtet er: „Die Stationen müssen femininer werden.“ So entstand 2009 ein kleiner Genuss- und Einkaufstempel. Auffälligste Neuerung war der Bistro-Bereich: Fastfood wurde veredelt. Schnell stellte sich heraus, dass die jetzt geforderte Restaurant-Qualität nur mit professionellen Mitarbeiter zu bewerkstelligen war. Kaiser stellte acht Profi-Köche ein, die rund um die Uhr die Gäste frisch bekochen und sämtliche Take-away-Menüs vor Ort produzieren. Außerdem wurde ein Foodmanager eingesetzt, dessen Aufgabe es ist, darauf zu achten, dass alle Petro-Centren über ein einheitliches und stimmiges Konzept verfügen.

Das Restaurant ist jetzt unter der Marke Gourmet Rapid bekannt, die allerdings nicht geschützt ist. Seit 2009 wird sie von s-iQ implementiert. „Eine ladenbautechnische Herausforderung“, weiß dessen Geschäftsführer Josef Walz, der den Auftrag bekam, einen Standort nach dem anderen umzubauen. Die Ladenbauer zogen kein einheitliches Konzept aus der Schublade, sondern gaben jedem Petro-Center seine eigene Corporate Identity.

Das Bistro der Station wird am stärksten zwischen 10 und 14 Uhr frequentiert. Gelegentlich geben sich auch Nachtschwärmer und Frühstücksgäste die Türklinke in die Hand. 42 Sitzplätze stehen zur Verfügung. Zu wenig, stellt Kaiser fest. Außerdem sei der gesamte Gastro-Bereich für jetzige Maßstäbe unterdimensioniert. Die Küche würde er heute größer konzipieren und den dazugehörenden Tiefkühlbereich auch. Bei der Planung vor neun Jahren habe man sich an der Zahl der Pkw-Stellplätze orientiert. Doch viele Gäste kommen auch zu Fuß, etwa aus den umliegenden Unternehmen (Händler, Werkstätten, Banken und Versicherungen). Sie nutzen das Gourmet Rapid wie eine Kantine.

Nicht von ungefähr denkt Kaiser darüber nach, bald zu renovieren. „Nach fünf Jahren sollte man Shops auf den Prüfstand stellen“, ist er überzeugt. Das heiße nicht, dass die Flächen immer im aktuellsten Design erscheinen müssten. Er denkt viel eher daran, dass mit dem veränderten Konsumverhalten auch andere Kauf- und Verzehrgewohnheiten entstehen. Deshalb müssten sich auch die Anreize, Arbeitsabläufe und -Prozesse an der Tankstelle verändern.

Die Umsatzverteilung der Petro-Shops ist für Deutschland, wo man noch auf Convenience-Lösungen an Tankstellen fokussiert ist, ungewöhnlich. Obwohl gerade Luxemburg für seinen Tabak- und Kaffee-Tourismus bekannt ist, stellt der Umsatz der Zigaretten & Co nur einen geringen Anteil. Dafür fällt der des Bereichs Backwaren/Bistro vergleichsweise hoch aus. Das Vollsortiment macht immerhin noch einen gewichtigen Teil aus. Noch interessanter sind die Ertragsverhältnisse aller Bereiche dieser Petro-Station. Jeweils ein Drittel steuern der Kraftstoff, das Shop- bzw. Vollsortiment und die Gastronomie bei.

Erwähnenswert ist noch der Blumen-Laden, der sich nahtlos an das Vollsortiment anschließt. Im wahrsten Sinne des Wortes blüht die Fläche auf. Vier Floristinnen haben dadurch alle Hände voll zu tun, denn der Laden wird wie ein Blumenfachgeschäft geführt, mit einer ebenso großen Sortimentsauswahl. Die Mitarbeiter statten auch Events aus. Das Mauerblümchen-Dasein der bunten Pracht, wie wir es an deutschen Tankstellen oft genug erleben, gibt es dort nicht. Kaiser: „Wenn wir Konzepte umsetzen, dann machen wir das nie halbherzig.“