Trend Halal statt vegan

Allen Unkenrufen zum Trotz, bleibt Fleisch populär. Das zeigt sich erneut am Einkaufsverhalten der Verbraucher in der Krise. Doch auch neue Impulse für das Segment sind wichtig. Halal-Produkte könnten einen solchen Konsumtrend setzen.

Freitag, 12. Juni 2020 - Nahversorgung
Thomas Klaus
Artikelbild Halal statt vegan
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Wer es im Blätter- und Medienwald rauschen hört, der könnte meinen, dass der Genuss von Fleisch in den zurückliegenden Jahren nur noch von einer Hand voll Außenseitern geschätzt wird. Doch die Zahlen und Fakten sprechen eine andere Sprache. Und sie lassen die Verbreitung des Vegetariertums in einem anderen Licht erscheinen. Tatsächlich ist Fleisch weiterhin gefragt. Dem sollten natürlich auch die Verantwortlichen im Convenience-Markt Rechnung tragen und entsprechend reagieren.

„60-Kilogramm-Regel“ beim Fleisch
Nach vorläufigen Zahlen für 2019, ist der Fleischverzehr in Deutschland mit 59,5 Kilogramm pro Kopf nur 600 Gramm unter dem Durchschnittsverzehr im Vorjahr, und das in einem Jahr, in dem Klimaschutz Topthema war. 2018 lag der Verzehr bei 60,1 Kilogramm und damit im Vergleich zu den Vorjahren auf dem selben Niveau. Im Jahr 2015 waren es 61,1, 2016 fast 60,5 und 2017 dann genau 60 Kilogramm. Auch im Zehn-Jahres-Vergleich bestehen kaum Abweichungen von dieser „60-Kilogramm-Regel“. Die vorliegenden Zahlen haben das Statistische Bundesamt, das Thünen-Institut und die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung herausgegeben.

Der Gegenwind für Fleisch und sein relativ schlechtes Image in der Öffentlichkeit werden ständige Begleiter für diejenigen sein, die Fleisch als einen Umsatzträger betrachten. Allein deshalb kann es nicht schaden, wenn auch in den C-Stores auf Produkte und Segmente gesetzt wird, die dem Fleisch-Geschäft neue Impulse geben. Produkte und Segmente, die zusätzliche Zielgruppen erschließen helfen. Wie wäre es da zum Beispiel mit Halal-Produkten? Das sind Lebensmittel, die unter bestimmten Voraussetzungen erzeugt wurden, die es auch Muslimen erlauben, sie essen beziehungsweise trinken zu dürfen. Sie bleiben damit den Vorgaben ihrer Religion treu. Vor allem sind bekanntermaßen im Islam Schweinefleisch und alles, was vom Schwein stammt, strikt untersagt.

Riesiger Markt wächst weiter
Halal-Lebensmittel dürfen grundsätzlich nicht mit anderen, „unreinen“ Lebensmitteln in Kontakt kommen. Also muss bei Produktion, Lagerung, Kühlung und Verkauf eine Trennung von Halal-Artikeln und konventionell erzeugter Ware sichergestellt sein. Das ist zwar einerseits nicht immer leicht umzusetzen. Andererseits zeigen Erfahrungen in deutschen Supermärkten, dass diese Trennung relativ problemlos machbar ist. Und wenn Aldi, Rewe, Lidl, Penny und Edeka Halal-Produkte vereinzelt anbieten – warum sollten das nicht auch Unternehmen im Convenience-Markt hinbekommen, wenn sie den Platz dafür haben?

Beachtlich: Der Markt ist riesengroß und wächst weiter. Mehr als vier Millionen Muslime leben inzwischen in Deutschland, viele von ihnen jung und ausgehfreudig. In einem Grundlagenpapier bezifferte schon vor Jahren die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) den Halal-Markt in der Bundesrepublik auf rund fünf Milliarden Euro. Dieses Volumen ist seitdem wahrscheinlich noch kräftig gewachsen. Schließlich nahm die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund und muslimischen Glaubens zuletzt deutlich zu. Aktuelles Zahlenmaterial fehlt allerdings.

Großer Nachholbedarf in Deutschland
„Im Durchschnitt geben die türkischen Konsumenten in Deutschland 360 Euro pro Monat für Lebensmittel aus“, hat Engin Ergün ausgerechnet. Er hat sich mit seiner Firma Ethno IQ in Dortmund auf die Zielgruppe der in der Bundesrepublik lebenden Türken spezialisiert. Nach seinen Erkenntnissen ist Halal für 70 Prozent der muslimischen Community von Bedeutung. Von diesem Kuchen könnte sich die deutsche Lebensmittelwirtschaft noch viel größere Stücke abschneiden, meint er. Noch werde in der Regel in einem der türkisch-arabischen Supermärkte eingekauft, doch nicht zwangsläufig müsse das so bleiben: Die deutschen Lebensmittel-Einzelhändler könnten durch eine veränderte Produktpolitik Terrain gewinnen. Hier sollten auch die Convenience- Stores ansetzen. Zum Beispiel in Großbritannien und Frankreich hat die Lebensmittelwirtschaft den Markt längst bereits für sich entdeckt und macht damit richtig „Kasse“. Einige Lebensmittelhandels-Ketten haben sogar Halal-Eigenmarken entwickelt. In Deutschland besteht hingegen anscheinend noch großer Nachholbedarf.

Auf Herstellerseite dürfte der weniger groß sein als im Handel. Deutschlands größter Fleischproduzent Tönnies ist bei Halal-Produkten ebenso mit von der Partie wie der Geflügel-Gigant Wiesenhof. Andere klangvolle Namen sind zum Beispiel die von Nestlé und Dr. Oetker. Hinzu kommen zahlreiche weitere kleinere und mittelgroße Hersteller. Doch zurzeit werden ihre Produkte in erster Linie noch in arabische Länder exportiert, wobei sie strengen Halal-Vorschriften erfüllen müssen.

Auch Nicht-Muslime schätzen „Halal“
Was also hier zu Lande zu fehlen scheint, ist nicht ein Mangel an Produkten, sondern die flächendeckende Präsenz im Handel. Die wird allerdings dadurch erschwert, dass unter Muslimen unterschiedliche Auffassungen darüber bestehen, wie „Halal“ im Detail ausgelegt werden muss. Auch wegen solcher Differenzen lässt ein einheitliches Halal-Zertifikat nach wie vor auf sich warten, und das trotz diverser Vorstöße in der Vergangenheit.

Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung beim Handel ist nach Einschätzung von Marktbeobachtern die Sorge vor verständnislosen Kunden, Rechtsextremisten und militanten Tierschützern. Dabei geht es um die betäubungslosen Schlachtungen. Richard Roscher, Geschäftsführer der auf Halal-Ware ausgerichteten RoWi Fleischwarenvertrieb GmbH mit Sitz im niedersächsischen Wildeshausen, kommentiert: „Würden die muslimischen Verbände in Deutschland einmal kundtun, dass sie auch Schlachtungen unter Einhaltung der deutschen Tierschutz-Schlachtverordnung seit vielen Jahren akzeptieren, könnte der Handel die Halal-Produkte mit wesentlich weniger Gegenreaktionen auch öffentlich bewerben.“

Übrigens: Mit Halal-Produkten wird nicht ausschließlich die Zielgruppe der Menschen muslimischen Glaubens erreicht. Aus der Praxis wird berichtet, dass „Halaliges“ zum Essen zunehmend von Deutschen nachgefragt wird. Denn sie halten derartige Kost für gesünder und für besser kontrolliert.

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