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Tabakwaren Die Dauerbrenner

Eine Umsatz-Krise für Zigaretten und E-Zigaretten gab es nicht, auch nicht in Zeiten des Lockdowns, während der erste Phase der Pandemie. Hersteller und Handel profitierten. Viele Verbraucher tätigten Vorratskäufe.

Tankstellen- und Bahnhof-Shops durften als „systemrelevant“ geöffnet bleiben, der Tabakwarenfachhandel musste phasenweise schließen. Dennoch: Der Verkauf von Tabakwaren hat in den ersten Wochen und Monaten der Corona-Krise kaum gelitten – zumindest was den Convenience-Markt betrifft. Das verdeutlichen Stimmen sowohl aus der Industrie als auch aus Handel und Großhandel. „Wir haben ein gutes erstes Quartal zu verzeichnen“, berichtet Heike Maria Lau, Leiterin Politik und Kommunikation bei Jti. Sie verweist darauf, dass die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Epidemie im März für eine erhöhte Nachfrage gesorgt hätten. Das Herunterfahren des öffentlichen Lebens sorgte offenbar für Vorratskäufe und die geschlossenen Grenzen ließen den Markt für nicht in Deutschland versteuerte Zigaretten, die größtenteils aus Polen und Tschechien stammen, wegbrechen. Jti profitierte mit seinen Marken American Spirit, Camel und Winston sowohl im Feinschnittbereich als auch im Bereich der Fertigzigaretten, bestätigt Lau.

Keine Rückgänge bei Tabakwaren
Von Seiten des Großhandels unterstützt Rikus Kolster, Deutschland-Geschäftsführer von Lekkerland, diese Beobachtungen. „Der Tabakwaren-Umsatz hat sich in den Wochen des Shutdowns deutlich verbessert.“ Doch der These vom reinen Vorratskauf will er so nicht zustimmen. Nach Lekkerland-Erkenntnissen sei das gute Wetter in den vergangenen Monaten mit ein Grund für die guten Zahlen gewesen. Die Schließung der Grenzen habe jedoch ein Übriges beigetragen: „Die Kunden konnten ihre Tabakwaren nicht mehr im nahen Ausland besorgen, sondern haben in heimischen Shops gekauft,“ so seine Analyse. Und auch Patrick Steppe, zuletzt Lekkerland-CEO, jetzt verantwortlicher Vorstand bei Lekkerland SE innerhalb de Rewe-Gruppe, zieht eine positive Bilanz: „Es gab keine Rückgänge bei den Tabakwaren.“

Äußerungen von Tankstellen-Betreibern und ihrer Interessenvertreter gehen in die selbe Richtung: Es seien bemerkenswert gute Umsätze in dieser Kategorie im März und April erzielt worden. Allerdings ist diese Botschaft für die Shop-Betreiber nur bedingt erfreulich. Da andere Waren- gruppen Absatzrückgänge zu verzeichnen hatten und die Tabakmargen recht niedrig sind, bestehe die Gefahr, dass die guten Einnahmen über die wirklichen Ergebnisse hinwegtäuschten, ist zu hören.

Das erste Quartal brachte steigende Absatzzahlen
Solchen Problemstellungen sehen sich die Tabakwaren-Produzenten derzeit nicht gegenüber. So zeigt sich André Sorge, Director Sales bei Philip Morris, „sehr zufrieden“ mit der Entwicklung. „Im Vergleich zum ersten Quartal des vergangenen Jahres konnten wir unseren nationalen Marktanteil für Heets in Deutschland mehr als verdoppeln – von einem Prozent auf nun 2,4 Prozent“, berichtet er. Diese Menge von Tabaksticks verweise auf etwas 300.000 Iqos-Nutzer. In einzelnen Fokusstädten, wie zum Beispiel in München, liege die Marktdurchdringung mit 5,2 Prozent sogar deutlich darüber.

Für Reemtsma registrierte Bernd Lutter, Market Manager Deutschland, zu Beginn der Beschränkungen auffällige Nachfrageverschiebungen: „Regional haben etwa Tankstellen zum Teil erhebliche Absatzzuwächse vermelden können – zeitweilig von bis zu 80 Prozent“, teilt er Convenience Shop mit. National wurde wohl von Steigerungen bis zu 15 Prozent im Tabakwarenumsatz berichtet. Die Corona- Maßnahmen in den vergangenen Wochen hatten also deutliche Auswirkungen auf das Verhalten der Tabakraucher sowie Nutzer von E-Zigaretten hier zu Lande. In beiden Segmenten haben Kauf und Konsum zugenommen. Das sieht auch Alexander Dalli, Sprecher von Pöschl Tabak, so. Insgesamt sei die Situation zufriedenstellend. „Der Großhandel hat bei uns insgesamt mehr Ware bestellt, aber nicht exorbitant mehr als gewohnt“, lässt er sich zitieren. Situationsbedingt sei für die C-Stores günstig gewesen, dass viele Einzelhändler und Fachgeschäfte schließen mussten und die Kunden, die in Grenzgebieten zu anderen Ländern wohnen und zum Einkaufen üblicherweise sonst auch dort hinfahren, dieses nicht wie gewohnt tun konnten. „Das hat sicherlich dazu geführt, dass einige Verbraucher zeitweise mehr als gewohnt gekauft haben und auch mehr Menschen ihre Tabakwaren in Deutschland kauften“, so Dalli.

Auf die besondere Lage an den Grenzen Deutschlands nimmt auch Elisabeth Lauterbach, Trade Marketing Manager beim Tabakwaren-Anbieter Hermann Hauser, Bezug. „Punktuell war die Verkaufssituation im Einzelhandel nicht ganz optimal, wie zum Beispiel in Tankstellen in den Grenzgebieten zu Frankreich. Denn dort war es für Pendler zeitweilig nicht möglich, auf dem Berufsweg noch einzukaufen“, informiert sie. Und Stefan Kleinhenz, Senior Key Account Manager bei Hauser, ergänzt, dass die Gesamtzahlen für Zigaretten sich im ersten Quartal für Deutschland erstaunlich positiv entwickelt hätten. Von einer Krise sei in den Auswertungen nichts zu sehen, ganz im Gegenteil. „Die Verkaufszahlen für unsere Zigarettenmarken King und Corset gehen gerade durch die Decke und wir müssen den Nachschub aufstocken. Das zeigt sehr deutlich, dass Zigarettenmarken zum attraktiven Preis bei den Verbrauchern derzeit sehr gefragt sind“, so Kleinhenz weiter.

Deutlich vorsichtiger äußert sich Rolf Kalus von Arnold André, insbesondere zur Lage für den stationären Fachhandel, der teilweise durch eine Hilfsaktion des Bundesverbands des Tabakwaren-Einzelhandels gestützt werden musste. Das erste Quartal und die Lockdown-Phase insgesamt seien für alle nicht leicht gewesen. Sie hätten die Branche vor große Herausforderungen gestellt. „Insgesamt schauen wir positiv in die Zukunft“, stellt Kalus allerdings fest. Grundsätzlich stehe Arnold André dem Handel immer beratend zur Seite. Unterstützung habe es vom Außendienst trotz Homeoffice auch während der Lockdown-Zeit gegeben.

Für Prognosen zu früh
Wie sich die Situation in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln wird, bleibt abzuwarten. „Hier können wir aktuell noch keine Prognose abgeben“, meint Pöschl-Sprecher Dalli. Der Außendienst habe Mitte Mai seine Tätigkeit wieder aufgenommen und werde den Händlern Aktionspakete unterbreiten.

Und auch Heike Maria Lau von Jti hält die Datenlage für längerfristige Prognosen derzeit noch für zu dünn. „Wie sich das Verkaufsverhalten insgesamt auf die Bestellmengen auswirken wird und inwieweit dies einen Einfluss auf das Konsumverhalten hat, bleibt vorerst abzuwarten“, so Lau. „Unsere Außendienstmitarbeiter pflegen einen engen Kontakt zum Kunden“, betont sie. Auch bei Reemtsma beobachtet man die Entwicklungen weiter. Um die Händler über wichtige Neuigkeiten und Veränderungen zu informieren, nutzt der Hersteller ein Online-Portal. „Das betrifft allgemeine branchenrelevante Fragen wie etwa solche zu Hygienevorschriften ebenso, wie solche zum Support durch unseren Außendienst in Zeiten von Corona“, sagt dazu Market Manager Lutter. Man stelle zudem den Partnern Aushänge für ihre Shops zum Ausdruck zur Verfügung, um vor Ort die Kommunikation zu Abstandsregeln, Lieferoptionen oder den Öffnungszeiten zu unterstützen. Diesen Service wird Reemtsma auch in den kommenden Wochen und Monaten aufrechterhalten.

Eine Prognose für das laufende Jahr möchte auch André Sorge, Director Sales bei Philip Morris, nicht abgeben. In der aktuellen Phase fahre das Unternehmen langsam und mit Bedacht seine Aktivitäten wieder hoch. „Solange es aufgrund bestehender Corona-Restriktionen nicht möglich ist, dem Konsumenten persönlich für Fragen zur Verfügung zu stehen, haben wir eine digitale Möglichkeit etabliert, um Neukunden im ersten Kontakt mit Iqos und Heets zu unterstützen“, macht er allerdings deutlich.