Bildquelle: Dorfladennetzwerk

Dorfladen Gut versorgt - nicht nur in Krisenzeiten

Viel Hilfestellung leisten Dorfläden immer. Denn sie sind mehr als reine Lebensmittelanbieter. Sie sind zentrale Orte der Begegnung, auch in Corona-Zeiten, in denen Sie durch die Krise helfen. Organisiert sind viele im Dorfladen-Netzwerk.

Als vor zehn Jahren der einzige kleine Nahversorger in Welbergen, einem Ortsteil der 20.000-Seelen-Kleinstadt Ochtrup im nördlichen Münsterland, schloss, entschieden sich die Bewohner vor Ort zur Hilfe zur Selbsthilfe. Nach einer Bürgerversammlung gründeten 421 Mitglieder, die rund 180.000 Euro Kapital investierten, eine Genossenschaft und riefen einen eigenen Dorfladen ins Leben. Die Verkaufsfläche des ehemaligen Lebensmittelladens wurde auf 150 Quadratmeter erweitert. Angeboten werden derzeit mehr als 2.000 Artikel. Heute haben sich etwa 95 der Haushalte im 1.250 Einwohner zählenden Welbergen finanziell an dem Vollsortimenter beteiligt.

„Die Zahl der Lebensmittelgeschäfte in Deutschland ist in den vergangenen 50 Jahren von 160.000 auf 36.000 gesunken“, weiß Günter Lühning, Vorsitzender des Dorfladen-Netzwerk, Bundesvereinigung multifunktionaler Dorfläden, BmD, die die Nahversorgung im ländlichen Raum verbessern will. „Aus Nahversorgung ist Weitentfernt-Versorgung geworden. Immer öfter wollen sich Kommunalpolitiker und Bürgerinitiativen in Dörfern von den großen Konzernen nicht vorschreiben lassen, wie weit die Menschen zum Einkaufen fahren müssen.“ Das habe mit „Tante Emma“ nichts mehr zu tun. „Nach dem Rückzug von Post, Sparkasse oder Bank geht es immer öfter um Nahversorgung mit der letzten Begegnungsstätte,“ so Lühning.

Das gilt auch für „Unser Laden“ in Welbergen, der zentral, unweit von Kirche und Friedhof, liegt und damit fußläufig gut erreichbar ist, vor allem auch für ältere Bewohner. Das Geschäft bietet neben einer Poststation auch ein kleines Café mit Kaffee und frischen Kuchenangeboten an. 15 Mitarbeiter, fünf Festangestellte und zehn Aushilfen, arbeiten in dem Dorfladen. „Wir legen sehr großen Wert auf freundlichen Umgang mit den Kunden“, sagt Hermann Lastring, ehrenamtlich im Vorstand der Genossenschaft tätig, der in Welbergen von Beginn an dabei war. Bis vor kurzem war er hauptberuflich im Vorstand der örtlichen Volksbank, seit Anfang April dieses Jahres ist er in Rente. In den Anfangsjahren kamen die Brötchen vom örtlichen Bäcker, so Lastring. Heute bekommt der Laden Teiglinge, die während des Tages vor Ort gebacken werden, um immer frische Ware anzubieten. Bei Äpfeln, Honig, Kartoffeln, Spargel und anderen Produkten setze man vor allem auf regionale Anbieter. Zudem habe man zahlreiche Convenience- und Fertigprodukte, vorwiegend tiefgekühlt, im Angebot. Außerdem können die Kunden jederzeit Vorschläge machen, was ins Sortiment aufgenommen werden sollte.

Dorfladen und Landwirtschaft
„Im Sommer bringen es die Dorfläden auf 45 bis 60 Stunden Öffnungszeiten pro Woche, einige haben sogar Sonntagvormittag mit einem Brötchen-Verkauf geöffnet“, so Lühning. „Sie übernehmen immer öfter die Vermarktung der Erzeugnisse der heimischen Landwirtschaft.“ Landwirte könnten sich so Hofläden und teure Automaten sparen und den Dorfladen als „Sammelverkaufsstelle“ nutzen. „Im niedersächsischen Otersen werden Erdbeeren und Heidelbeeren des örtlichen Bio-Landwirts angeboten, im oberbayerischen Farchant, bei Garmisch-Patenkirchen, vermarktet man regionale Produkte von Käse bis Werdenfelser Rindfleisch“, sagt Lühning.

In ganz Deutschland, so Branchenkenner, gibt es rund 300 Bürgerläden. Die wenden sich in Corona-Zeiten mit Fragen an das Netzwerk. Da gehe es darum, wie sich Mitarbeiter schützen können und sich Teams so aufteilen lassen, dass im Fall einer Quarantäne nicht alle Angestellten ausfallen. Es gehe um Kundenlenkung, Abstandsregeln oder den Aufbau von Lieferdiensten. Gerade jetzt, in Krisenzeiten, bewährt sich, so Hermann Lastring, das Dorfladenkonzept in Welbergen. Man kenne fast alle Kunden persönlich, da werde niemand allein gelassen und der eine oder andere Einkauf bis vor die Haustüre gebracht. Auch die Knappheit bestimmter Waren wie Toilettenpapier oder Hefe sei in seinem Laden kein Thema. „Wir haben ein ausgeprägtes Wir-Gefühl, hier nimmt man aufeinander Rücksicht. Ich gehe täglich einmal durch den Laden, leere Regale habe ich keine gesehen.“

Günter Lühning vom Dorfladen-Netzwerk hofft, dass die Bevölkerung gerade jetzt in der Krise den Mehrwert der Nahversorgung stärker schätzen lernt. „Weder der Supermarkt am weit entfernten Stadtrand noch Online-Anbieter sorgen für die Lebensqualität auf dem Land“, so Lühning. „Wünschenswert wäre, wenn die Menschen bewusster einkaufen. Fakt ist, wer im Alter von 40 oder 50 den Nahversorger am Wohnort oder im Nachbardorf nicht umfassend nutzt, darf sich mit 70 oder 80 nicht über fehlende Nahversorgung beklagen.“

Immer mehr Dorfläden nutzten zudem die Digitalisierung, etwa bei der Buchführung, um am Markt mitzuhalten. „Warenbestellungen sind vereinzelt per Dorfladen-App möglich. Ein richtiger Internetshop für Lebensmittel ist für die Dorfläden noch Zukunftsmusik“, so Lühning. Doch Corona könnte diesen Prozess beschleunigen. Der Dorfladen in Welbergen steht jedenfalls jetzt schon für den Erfolg von bürgerlichem Engagement. In diesem Jahr wurde er als „Dorfladen des Jahres 2020“ ausgezeichnet. Das Geschäft bekam den Preis auf der Grünen Woche in Berlin, als erster Dorfladen in NRW.

Es bleibt viel zu tun
Trotz dieser Erfolgsgeschichte gibt es für die Politik, so Günter Lühning, noch viel zu tun. „Die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse für Menschen im ländlichen Raum sind noch längst nicht erreicht.“ Sinnvoll ist für ihn zum Beispiel die Anerkennung der steuerlichen Gemeinnützigkeit bei Einhaltung gewisser Kriterien oder die Einführung einer Nachversorger-Prämie oder eine Basis-Förderung für den letzten Nahversorger im Dorf, nach dem Vorbild in Österreich oder Südtirol, um das Ladensterben auf dem Land zu stoppen. Daher wolle das Netzwerk den Austausch verstärken, Fortbildungen sowie digitalen Wissenstransfer anbieten, sowohl für Mitarbeiter als auch ehrenamtliche Vorstände. „Gegenüber Ländern und Bund müssen wir dicke Bretter bohren, um die Lage der gemeinwohlorientierten Bürgerläden zu verbessern, damit alle Dorfläden – ob inhabergeführt oder bürgerschaftlich organisiert – eine reelle Überlebenschance bekommen.“