Produktsiegel / EmpCo Mit neuer EU-Richtlinie gegen den „Label-Dschungel“

Die Umsetzung der EU-Richtlinie Empowering Consumers for the Green Transition (EmpCo) in deutsches Recht steht im September 2026 an. Dann sind beispielsweise Umwelt-Siegel auf allen Produkten nur noch erlaubt, wenn sie öffentlich oder drittzertifiziert sind.

Mittwoch, 27. Mai 2026, 17:39 Uhr
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Auch in Shop-Regalen sieht Nachhaltigkeit oft aus wie ein Kunstprojekt. Ein grünes Blatt hier, ein Kreis mit Häkchen dort, dazu „klimafreundlich“, „naturnah“ oder „fair“. Auch wer in -Convenience-Shops Produkte mit Anspruch einkauft, landet schnell im Label-Dschungel. Die Christliche Initiative Romero (CIR) beschreibt diesen Zustand in einem aktuellen Wegweiser als „Label-Labyrinth“. Das Problem ist nicht die Menge – da sind sich die Experten einig. Problematisch sei, dass bisher im Regal harte, kontrollierte Standards neben weichgespülten Marketing-Zeichen stehen – und der Kunde beides in Sekunden auseinanderhalten soll.

Gegen den „Label-Dschungel“

Deshalb greift die Politik jetzt durch. Das Haus von Umweltminister Carsten Schneider (SPD) benannte den „Label-Dschungel“ auf Anfrage der Fachzeitschrift Lebensmittel Praxis (LP) ausdrücklich als Schwierigkeit und verwies auf die Umsetzung der EU-Richtlinie Empowering Consumers for the Green Transition, kurz EmpCo, in deutsches Recht. Künftig dürfen allgemeine Umweltaussagen wie „umweltfreundlich“ oder „biologisch abbaubar“ nur noch unter strengen Voraussetzungen verwendet werden. Klimaneutralitätsaussagen, die ausschließlich auf CO₂-Kompensation außerhalb der eigenen Wertschöpfungskette beruhen, werden für Produkte verboten. Und vor allem: Siegel sollen nur noch erlaubt sein, wenn sie öffentlich oder drittzertifiziert sind. Minister Schneider formuliert das unmissverständlich: „Eine Aussage, die nicht belegt werden kann, oder ein Siegel, das etwas verspricht, was es nicht halten kann, sind zukünftig verboten.“ Laut Umweltbundesamt (UBA) soll die EmpCo-Richtlinie ab dem 27. September 2026  strengere Vorgaben für verlässliche, vergleichbare und nachprüfbare Umweltinformationen schaffen. Besonders wichtig sei: Label von Handelsunternehmen, die nicht allen zur Verfügung stünden, sollen künftig verboten sein. Das UBA nennt hier die staatliche Plattform „Siegelklarheit“ als Orientierungshilfe.

Labelflut sorgt für Verwirrung

Heike Silber von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sagt, Label würden vielfach genutzt, um Produkte kommunikativ voneinander zu unterscheiden; echte Nachhaltigkeitszertifizierung brauche dagegen strengere gesetzliche Regeln. Die Flut an Labels, Siegeln und Aussagen sorge für Verwirrung, weil der Unterschied zwischen verlässlicher Zertifizierung und bloßer Werbung für Verbraucher nicht verifizierbar sei. Agnes Sauter von der  Deutschen Umwelthilfe verweist auf zahlreiche Verfahren gegen Unternehmen, die mit irreführenden oder selbst erfundenen Siegeln geworben hätten. Es gebe strukturelle Defizite freiwilliger Kennzeichnungen, darunter mangelnde Kontrolle, unklare Definitionen und wirtschaftliche Interessenkonflikte bei Siegelgebern und -prüfern.

Doch ganz so einfach ist es wohl nicht. Nicht jeder Händler möchte mit bunten Symbolen bloß das Gewissen an der Kasse vergolden. Inga Schwind, Bereichsleiterin Nachhaltigkeit Dm-Marken, argumentiert nicht mit der üblichen Abwehrpose, wonach alle Kritik übertrieben sei: „Siegel wie Blauer Engel oder Bio oder auch Naturland sowie Demeter sind natürlich deutlich bekannter und auch vertrauenswürdiger als eigene. Kunden schätzen diese Siegel.“ Die Karlsruher setzen laut Schwind deshalb vor allem auf staatliche oder privatwirtschaftliche Siegel, die bei Kunden akzeptiert und als vertrauenswürdig wahrgenommen würden. Diese EU-Richtlinie werde bei Dm vor allem dazu führen, dass siegelähnliche eigene Icons verschwinden. Klassische Siegel sieht Schwind weniger unter Druck als jene Zeichen, die nach Prüfsiegel aussehen, letztlich aber keine sind. Damit spricht sie ein Grundproblem des Marktes aus: Nicht jedes grüne Zeichen ist ein Siegel. Aber viele Zeichen wollen so aussehen, als wären sie eins. Der CIR-Label-Guide unterstreicht darüber hinaus, dass einige Siegel hohe soziale und ökologische Standards versprechen, diese in der Praxis aber oft nicht umsetzten.

Als zentrale Probleme nennt die Organisation schwache Kontrollen, fehlende Sanktionen, Intransparenz und Interessenkonflikte. Besonders kritisch sei die Frage, wer eigentlich die Kontrolle kontrolliert. Die CIR verweist aus ihrer Sicht auf Audits, die oberflächlich, manipulierbar und wirtschaftlich befangen sein könnten. Ein Label sei eben nur so gut wie die Kontrolle dahinter. Was sagen die Händler? Lidl verteidigt seinen Kurs. Der Discounter konzentriert sich auf „eine überschaubare Anzahl an marktführenden und staatlich anerkannten Siegeln“. Alnatura verteidigt nicht die Vielfalt, sondern die Trennschärfe. Der Bio-Filialist macht auf sein We-Care-Siegel als umfassendes, drittzertifiziertes System und auf zusätzliche Bio-Verbandszeichen wie Bioland, Demeter oder Naturland aufmerksam. Aber auch Alnatura ist nicht in Feierlaune und beklagt: EmpCo schaffe zwar Ordnung gegen Greenwashing, produziere zugleich aber mehr Bürokratie, selbst für Bio-Unternehmen. Hier trifft sich die Händlerkritik mit Erkenntnissen des Bundesverbands der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE).

Laut einer BVE-Blitzumfrage bei über 130 Unternehmen geben 58 Prozent an, ihre Verpackungen noch nicht abschließend anpassen zu können, weil zentrale rechtliche Fragen weiterhin ungeklärt seien. Ein Großteil der Unternehmen befürchte, dass Absatzpartner vorgezogene Fristen verlangen oder rechtskonforme Claims vorsorglich trotzdem kassieren. Jedes zweite befragte Unternehmen fürchte deshalb gar eine Art „Rückholpflicht“ für Waren, deren Verpackung vor dem Stichtag noch nicht angepasst werden konnte.