Bildquelle: Beyond Burger

Fleisch-Alternativen Die Power der Proteine

Im Lebensmittel-Markt wächst die Bedeutung pflanzlicher Eiweiße und anderer alternativer Proteine. Convenience-Player sind gut beraten, die Entwicklung und Sortimente anzupassen.

Als wir im Juli des vergangenen Jahres schwerpunktmäßig über Fleisch- und Wurst-Snacks berichteten, rückte Convenience Shop die Power der Proteine in das Rampenlicht. Unser Magazin stellte fest, dass Proteine hoch im Kurs stehen. Sie haben nach Erkenntnissen der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie und der Gesellschaft für Konsumforschung die höchsten Wachstumsraten unter allen Produkttrends – und sie gehören beinahe unverzichtbar zum gut sortierten Snack-Sortiment in den Convenience-Shops. Ein Jahr später geht diese Entwicklung weiter und hat sogar deutlich an Fahrt gewonnen. Der Markt ist im Aufbruch – sichtbar zum Beispiel daran, dass Nestlé den Wursthersteller Herta loswerden will und selbst in Fleischalternativen investiert sowie Unilever bereits Bifi an das US-amerikanische Unternehmen Jack Links abgegeben hat. In Studien des Marktforschers AT Kearney und und der Bank JP Morgan ist von einem Marktanteil von 30 bis 40 Prozent die Rede, den pflanzliche Eiweiße als Alternative zu tierischen in den kommenden zehn Jahren erobern werden.

Pflanzenbasierte Proteine
Eines der internationalen Musterbeispiele für das „Hinweg vom Tier“ ist der Beyond Burger. Der ist zwar kein verzehrfertiger Snack. Aber er zeigt exemplarisch, wohin der Weg auch bei vielen Fleisch- und Wurst-Snacks gehen könnte: Tierisches Protein wurde durch pflanzenbasiertes ersetzt, das gleichzeitig gut schmecken und besser für die Umwelt sein soll. Nach Herstellerangaben hat der Beyond Burger mehr Protein als ein herkömmlicher Rindfleisch-Burger und gleichzeitig weniger gesättigte und ungesättigte Fettsäuren.

In Deutschland war Metro der erste Großhändler, der Beyond Burger in die Regale gebracht hat. Gelistet wird das Produkt über das Metro Trading Office in Rotterdam in Zusammenarbeit mit NX-Food. Die Heimat des Beyond Burgers sind die USA, Burger-„Vater“ ist Ethan Brown. Der gründete vor zehn Jahren das Startup Beyond Meat und konnte seitdem eine Reihe prominenter Investoren für sich gewinnen. Darunter sind der Microsoft-Gründer Bill Gates, der Filmschauspieler Leonardo DiCaprio und die beiden Twitter-Gründer Ewan Williams und Biz Stone. Solche Promis überlegen sich genau, wofür sie investieren. Indizien sprechen dafür, dass sie hier auf das richtige Pferd setzen. So ergab eine im Juli veröffentlichte Umfrage des Diplom-Psychologen Guido F. Gebauer im Auftrage der Gleichklang Ltd., dass der Beyond Burger auch bei Fleischessern sehr großen Anklang findet. 93 Prozent der Veganer, 90 Prozent der Vegetarier und 89 Prozent der Pescetarier (essen Fisch, aber kein Fleisch) bezeichneten den Beyond Burger als „tolle Sache“. Unter den Fleischessern mit geringem Konsum, die es höchstens einmal in der Woche essen, und den Fleischessern mit mittlerem Konsum, die zwei- bis dreimal in der Woche zugreifen, teilten 83 beziehungsweise 71 Prozent diese Ansicht. Bei den Fleischessern mit hohem Konsum, die vier- bis sechsmal in der Woche Fleisch essen, waren es 42 und bei den Fleischessern mit sehr hohem, täglichem Konsum immerhin noch 27 Prozent. Befragt wurden rund 1.500 Veganer und 830 Vegetarier, 217 Pescetarier und knapp 1.400 Fleischesser. Fazit der Studie von Gebauer: „Die Resonanz bei fleischessenden Konsumenten ist so hoch, dass ein tiefgreifender Wandel des Ernährungsverhaltens der gesamten Gesellschaft, hin zu Fleischverzicht und pflanzenbasierter Ernährung bei zunehmender Verfügbarkeit und Vielfalt von modernem Fleischersatz, möglich ist.“

Insektenessen halbwegs im Mainstream
Fabio Ziemßen, Director Food Innovation bei dem Metro-Innovationshub, schätzt die Bedeutung folgendermaßen ein: „Wir brauchen unbedingt Alternativen für tierische Proteine aus der Massentierhaltung, um den hohen Ressourcenaufwand zurückzuschrauben. Der Beyond Burger entspricht da dem Zeitgeist und hilft uns beim Optimieren des existierenden Foodsystems.“ In diesem Sinne solle das Metro-Sortiment in den kommenden Jahren ausgebaut werden, etwa in Richtung Snacks. Ehrenamtlich engagiert sich Ziemßen im Verband für Alternative Proteinquellen. Der Fokus des erst im März 2019 gegründeten Verbandes liegt auch, aber nicht nur auf pflanzlichen Ersatzstoffen. Insektenfleisch und im Labor produziertes Fleisch sollen ebenfalls gefördert werden.

Insektenessen ist bereits halbwegs im Mainstream angekommen. Kaufland zum Beispiel verkauft Buffalo- und Mehlwürmer, Grillen, Insekten-Proteinriegel, tiefgekühlte Insektenburger sowie Nudeln und Müslis mit Insektenpulver. Auf der Welt sind rund 1.900 verschiedene essbare Insekten bekannt. Wer solche zu sich nimmt, ernährt sich unter anderem wegen eines hohen Proteinanteils gesund. Und: Im Vergleich zu anderen tierischen Proteinquellen von Nutztieren benötigen Würmer und Insekten weniger Platz, Wasser und Futter.

„Forschungslabor statt Schlachthof“
Bemerkenswert: Aus einer einzelnen Muskelzelle lassen sich eine Trillion Zellen züchten. An dieser Technik wird bereits seit 1994 gearbeitet. In der Bundesrepublik steckt sie jedoch im Vergleich etwa zu den USA und den Niederlanden noch in den Kinderschuhen. Doch das wird sich ändern, meinen Branchenexperten und Praktiker.

Mit einer deutlich steigenden Nachfrage nach künstlich erzeugtem Fleisch rechnet zum Beispiel Peter Wesjohann, der Vorstandsvorsitzende des Geflügelunternehmens PHW mit den bekannten Marken Wiesenhof und Bruzzzler. Nach seiner Einschätzung könnte es in einiger Zeit den Stellenwert veganer Fleischersatzprodukte bekommen. Die Zukunft habe auf jeden Fall bereits begonnen, so Wesjohann. Und weiter: „Gut möglich, dass wir irgendwann einmal ein Forschungslabor statt eines Schlachthofes bauen. Irgendwann.“ Folgerichtig beteiligt sich PHW sowohl an Firmen, die an In-Vitro-Fleisch tüfteln, als auch am erhofften Siegeszug des Beyond Burgers. Pflanzliche Ersatzstoffe, Insektenfleisch und im Labor produziertes Fleisch: Und wer weiß, was da zusätzlich noch alles so kommen wird? Convenience-Shop-Verantwortliche sollten die Entwicklung aufmerksam verfolgen.