Bildquelle: Durstexpress

Getränkelieferdienste Faire digitale Gewinner?

Lieferdienste sind convenient, gerade in Corona-Zeiten. Das gilt besonders für Getränke-Lieferdienste mit oft sperrigen und schweren Mehrweg-Produkten. Deshalb feiern derzeit digitalbasierte Newcomer Erfolge. Die klassischen Anbieter fürchten unfaire Wettbewerbsbedingungen.

Lieferdienste sind gerade sehr gefragt, vor allem wenn sie Konsumenten bedienen und nicht etwa die Gastronomie, Büros und Verwaltungen, oder auch Kinos. Das gilt auch für die Lieferdienste, die in Deutschland Kunden mit Getränken, vor allem in Mehrweg-Gebinden, versorgen. Dirk Reinsberg, geschäftsführender Vorstand beim Bundesverband des Deutschen Getränkegroßhandels, bestätigt diesen Trend gegenüber Convenience Shop: „Die Entwicklungen der vergangenen Wochen kennen nur wenige Gewinner. Lieferdienste zählen in jedem Fall dazu. Die Corona-Krise veränderte vor allem zu Beginn das Kaufverhalten der Menschen“, teilt er mit. Schon im Februar erzielte der Getränke Einzelhandel ein reales Plus von 4,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Nominal ergab sich ein Umsatzplus von 6,4 Prozent. Und die Steigerung hielt an. Wie viele Prozente davon auf Lieferdienste entfallen, muss allerdings offen bleiben.

Neue Player im Markt
Offen bleiben muss auch, welche Getränke-Lieferdienste bisher in erster Linie von der gestiegenen Nachfrage profitiert haben und weiterhin profitieren werden: einerseits die klassischen Getränkefachhändler, die ihre Kunden schon seit Jahrzehnten die Mineralwasser- und Bierkästen ins Haus bringen, oder andererseits die neue Generation der Getränke-Lieferdienste, die ihr Geschäft digital, das heißt online oder per App, abwickeln.
Dazu gehören beispielsweise Flaschenpost, Durstexpress oder auch Durststrecke. Sie versprechen ihren Kunden eine sehr schnelle Lieferung innerhalb von nur 120 Minuten, bei einem Bestellwert über 15 Euro, auch ohne zusätzliche Kosten. Diesen Service kann man bisher jedoch nur in Metropolen, also beispielsweise in Berlin, Hamburg, München, Köln oder auch Münster, in Anspruch nehmen.

Dirk Reinsberg vom Verband des Getränkefachgroßhandels sieht darin keine Gefahr. Man beobachte die Entwicklung der Getränke-Lieferdienste aufmerksam. „Wir sehen den Wettbewerb, der beispielsweise von Flaschenpost ausgeht, aber sind nicht besorgt“, sagte er unserem Magazin. Die neue Generation der Getränke-Lieferdienste habe das Liefern von Getränken ja nicht erfunden.

Faire Preise und Klimaziele
Etwas anders sieht das jedoch der ein oder andere Marktteilnehmer. Brancheninsider werfen den neuen, zunehmend national operierenden „digitalen Wettbewerbern“ vor, sie würden derzeit mit Dumping-Preisen den Markt der Lieferdienste verzerren. Zudem würden Flaschenpost oder auch Durstexpress mit nur wenigen Getränkekisten durch die Stadt fahren, um die Ware in den versprochenen 120 Minuten bei den Kunden auszuliefern. Das unterlaufe die politischen und gesamtgesellschaftlichen Ziele, den Fahrzeugverkehr in urbanen Zentren zu reduzieren und damit auch das Klima zu schützen.

Darüber hinaus wird im Markt bezweifelt, dass einige der veröffentlichten Zahlen der neuen Lieferdienst- Generation immer ihre Richtigkeit haben. Unserem Magazin hatte Flaschenpost mitgeteilt, dass es aus seinen 19 Standorten – mittlerweile sind daraus wohl 21 Lager geworden – täglich rund 60.000 Getränkekisten mit jeweils ungefähr 350 Mitarbeitern in den besagten 120 Minuten zu den Bestellern bringt. Das wären im Durchschnitt gut 3.200 Kisten pro Standort und neun Getränkekisten pro Mitarbeiter am Tag.

Flaschenpost-Gründer und Geschäftsführer Stephen Weich wollte die Zahlen gegenüber Convenience Shop nicht kommentieren, betonte aber, dass sein Geschäftsmodell gut funktioniere. Hinter dem schon etablierten einstigen Studenten-Startup stehen mittlerweile solvente Investoren. Und auch Wettbewerber Durstexpress gehört einem zahlungskräftigen Eigner, nämlich der Radeberger-Gruppe. Maximilian Illers, Geschäftsführer von Durstexpress, möchte jedoch deutlich machen, dass sein Getränke-Lieferdienst grundsätzlich eigenverantwortlich agiere. Man profitiere „aber immer wieder vom Knowhow sowohl der Oetker-Gruppe als auch der Radeberger Gruppe, zu der wir vollständig gehören.“

Plattform für Heimservice
Doch nicht nur die Industrie beteiligt sich zurzeit an Lieferdiensten. Vor wenigen Monaten stieg Rewe bei Durst.de ein (Convenience Shop berichtete). Dirk Reinfeld vom Verband des Getränkefachgroßhandels sieht in der Beteiligung des Handelskonzerns eine Weichenstellung für den Ausbau dieses Angebots. So könnten künftig noch weitere Getränkehändler auf dieser Plattform ihren eigenem Heimservice anbieten.

„Die Rewe Group kennt die Leistungsfähigkeit des Getränkefachgroßhandels und wird auf diese setzen“, ist der Verbands-Vorstand überzeugt. Denn Durst.de von Durststrecke funktioniert etwas anders: „Die App ermöglicht das digitale Bestellen von Getränken beim Getränkehändler in der Nähe, der auch die logistische Leistung übernimmt und zur passenden Zeit nach Hause liefert“, so das Unternehmen.

Mit eigener Logistik
Durstexpress und Flaschenpost dagegen verfügen über eine eigene Warenwirtschaft, eigene Logistik und Lager, oder so genannte Hubs. Geliefert wird von 8 bis 21 Uhr, beziehungsweise 23 Uhr. „Pro Auslieferung bringen wir zwischen fünf und zehn Bestellungen zu unseren Kunden“, sagt Durstexpress-Geschäftsführer Maximilian Illers. Das Sortiment umfasse mehr als 1.000 Artikel, die direkt bei den zahlreichen Herstellern, von Brauereien über Mineralbrunnen bis hin zu Produzenten regionaler Spezialitäten, bezogen werden. „Aktuell beschäftigen wir rund 3.000 Mitarbeiter und stellen weiter Personal ein“, teilt Illers darüber hinaus mit. Gestartet ist Durstexpress 2017 in Berlin mit drei Hubs. 2018 folgten Leipzig und 2019 Hannover, mit jeweils einem Hub. In den vergangenen Monaten kamen die Hubs in Dresden, Hamburg, München und Augsburg neu hinzu. In diesem Tempo werde es weitergehen, kündigt Illers an.

Steigerungen bis 100 Prozent
Befeuert wird das Geschäft jetzt wohl durch die Pandemie. Die Bestellungen von Stamm- und Neukunden erreichen nach Unternehmensangaben gerade regelmäßig neue Spitzen, so- dass die versprochene Lieferzeit vorübergehend auf 180 Minuten ausgedehnt werden musste: „Wir haben durch die aktuelle Situation Steigerungsraten von bis zu 100 Prozent im Wochenvergleich erlebt,“ sagt der Geschäftsführer und zeigt sich überzeugt, dass sich die Einkaufsgewohnheiten in Deutschland durch die Krisensituation nachhaltig ändern werden. Darauf muss sich wohl auch der übrige Getränkefachgroßhandel einstellen. Verbands-Vorstand Reinfeld empfiehlt den Branchenunternehmen wegen der Renaissance der Getränkelieferdienste, jetzt erst recht die eigene Digitalisierung entschlossen voranzutreiben.