Bier Craft Beer inspiriert

Dank der vielen neuen Mikrobrauereien , die ihr Craft Beer auf den Markt bringen, ist von Brauerei-Sterben derzeit keine Rede mehr.

Beim Thema Bier sind die Kunden der Convenience-Shops sehr eigen. Je nach Region und Standort gilt es, die richtigen Sorten anzubieten, darunter natürlich die bekannten Marken. Dazu kommen dann die regionalen Anbieter und Spezialitäten. Jetzt haben sich neue Player etabliert, die es den Shop-Betreibern ermöglichen, in ihrem Sortiment ganz neue Impulse zu setzen und Kreativität zu beweisen, und zwar mit Craft Beer. Das sind zumeist sehr aromaintensive Biere, bei denen größere Hopfen-Mengen und immer öfter auch neue Aroma-Hopfen-Sorten verwendet werden. Hauptgeschäftsführer Oliver Dawid vom Verband Privater Brauereien Deutschlands macht klar: „Es geht beim Craft Beer jedoch nicht nur um Bierspezialitäten, sondern darum, dass alle Biere mit einem eigenständigen Geschmacksprofil gebraut werden, das sich vom Massengeschmack abhebt.“

Unter Craft-Beer-Spezialitäten firmieren solche, bei denen sich die Brauer auf alte, zum Teil in Vergessenheit geratene Biersorten wie Märzen, Weizenbock oder unfiltrierte Biere konzentrieren – oder bei denen sie auf Bierstile wie Ale, IPA und fassgereifte Biere setzen, die hier zu Lande bisher noch nicht so verbreitet sind. In der Regel werden diese Biere nur in kleineren Mengen hergestellt und dann vor Ort in Kiosken und Shops verkauft oder in Brauereigaststätten oder angeschlossenen Bars ausgeschenkt. Besonders groß kommen Craft Beere in Ballungsgebieten heraus. So gilt Berlin als eine der Hochburgen. In der Bundeshauptstadt entstanden seit 2012 immerhin 26 neue Brauereien.

Brauer-Bund wundert sich

Insgesamt stieg die Zahl der Mikrobrauereien, die nicht mehr als 1.000 Hektoliter pro Jahr absetzen – und dazu zählen die meisten Brauer von Craft Beer –, von 666 im Jahr 2012 auf 824 im vergangenen Jahr. Deshalb reibt sich Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes, manchmal verwundert die Augen. Noch vor relativ kurzer Zeit war vom großen Brauerei-Sterben in deutschen Landen die Rede. Doch das ist längst Schnee von gestern: 2017 wurden 1.492 Braustätten gezählt. Das sind 82 mehr als 2016 und knapp 150 mehr als 2012.

Dass die Zahl der Brauereien in Deutschland, entgegen ursprünglicher Prognosen, kontinuierlich wächst, ist in erster Linie dem Craft-Beer-Boom zu verdanken. Dieser wird unter anderem durch Craft-Beer-Events, spezielle Shops und Magazine sowie einen eigenen, erst Ende 2016 gegründeten Verband gepusht. Der „Verband Deutscher Kreativbrauer“ hält dem deutschen Reinheitsgebot (Hopfen und Gerste plus Hefe und Wasser ergibt Bier) ein so genanntes Natürlichkeitsgebot entgegen. Vorsitzender Andreas Seufert, Chef von Pax Bräu im bayerischen Oberelsbach, sagt dazu: „Das vorläufige Biergesetz erlaubt den Bierkonzernen mehr als man denkt – nämlich Zuckerzusätze, Konzentrate und chemische Filterstoffe. Im Gegensatz dazu dürfen kleine handwerkliche Brauereien, die natürliche Zutaten wie Maronen oder frische Beeren einsetzen möchten, ihr Bier in Deutschland nicht ohne Sondergenehmigung als Bier verkaufen.“ Der Verband Deutscher Kreativbrauer streitet deshalb für eine deutschlandweit einheitliche Regelung, die Brauern das Brauen mit natürlichen, für den menschlichen Verzehr zugelassenen Zutaten generell erlaubt.

Zeit zum Reifen notwendig

In eine ähnliche Kerbe schlägt der Slow-Brewing-Verband. Aktuell hat er eine Kampagne gestartet, die für eine Brauweise wirbt, bei der zum einen eine ideale Zeit zum Reifen und zum anderen der bewusste Verzicht auf das weit verbreitete nachträgliche Verdünnen des fertigen Bieres maßgebliche Faktoren sind. Allgemein versteht man darunter eine Verdünnung von konzentriertem Bier auf die sortentypische Trinkstärke. Bei der Vergärung derartiger Würzen ergibt sich beim ausgedünnten Bier ein anderes Aromaprofil als bei Bieren mit Originalstammwürze. Aus diesem Grund ist das nachträgliche Verdünnen von konzentriertem Bier – auch High Gravity Brewing genannt – bei Slow Brewing eine „No-Go-Technologie“. 26 Brauereien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden inzwischen mit dem Gütesiegel des Slow-Brewing-Verbandes ausgezeichnet. Das bewertet zusätzlich sogar die Unternehmenskultur der Brauerei, einschließlich der gelebten Verantwortung für Mensch und Umwelt.

Craft Beer macht den Markt vielfältig

„Unser Gütesiegel ist das härteste überhaupt für Bier“, betont Verbandschef Dr. August Gresser, der früher als Cheftechnologe der Brauerei Moretti in Udine und später als technischer Direktor der Brauerei Forst in Meran gearbeitet hatte. „Gutes Gewissen beim Genießen muss vor dem Biertrinken nicht halt machen“, ist er überzeugt. Deutlich wird: Die Craft Beere und ihre Artverwandten leisten ihren Teil dazu, dass der Biermarkt in Deutschland immer vielfältiger wird. Holger Eichele resümiert: „Die Verbraucher können sich über eine stetig wachsende Biervielfalt mit mehr als 6.000 verschiedenen Biermarken freuen, und die sucht weltweit ihresgleichen.“