Bildquelle: Kahla, DHU

Mehrweg Pappe oder Plastik ?

Was haben Hamburg, Freiburg, Rosenheim und Berlin gemeinsam? In den genannten Städten finden Kaffee-Fans Mehrwegsysteme für Coffee-to-go-Becher – allerdings nicht flächendeckend. Aral kündigte kürzlich an, im Mai mit einem eigenen Mehrwegbecher bundesweit zu starten.

Einwegbecher sind convenient, praktisch und einfach in ihrer Handhabung. Zudem gibt es keine hygienischen Einwände. Doch mit zunehmender Mobilität der Gesellschaft steigen der Kaffee-Bedarf unterwegs und in der Folge auch die Abfallberge. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt jährlich bei 80 Bechern, so die Verbraucherzentrale Hamburg. Hochgerechnet auf Deutschland sind das 6,4 Mrd. Coffee-to-go-Becher samt Plastikdeckel. Gestapelt könnte man damit 57 mal die Erde umrunden. Umweltexperten sprechen sogar von 23 Mrd. Einwegbechern, die jeweils nur für 15 Minuten genutzt werden.

In Relation zum Hausabfall gesetzt, machen die Pappbecher laut Aral allerdings nur ein Prozent des Müll-Aufkommens aus. Trotzdem will die Mineralölgesellschaft, die täglich rund 85.000 Kaffees ausschenkt, das Volumen reduzieren. Schließlich werden nicht nur Mengen an Ressourcen verbraucht, sondern mit ihrer Kunststoffbeschichtung sind die Einwegbecher auch schwer in den Recycling-Kreislauf zurückzuführen. Der Bochumer Mineralölkonzern bietet darum seit Februar den Kaffeetrinkern die Möglichkeit, das eigene Gefäß befüllen zu lassen. Der zusätzliche Anreiz für sie ist eine Preisreduzierung von 10 Cent. Ab Mai steht den Tankstellenkunden dann auch ein Mehrwegbecher zum Kauf zur Verfügung.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert schon länger eine Alternative zum Einweg-Cup. Die kann nur Mehrweg heißen. In einigen Städten haben sich bereits Vorreiter gefunden und ein Poolsystem mit anderen Cafés, To-go-Station usw. auf die Beine gestellt. Das heißt, Cups werden gegen ein Pfand ausgegeben und können in der nächsten beteiligten Filiale wieder eingetauscht werden. Mit ihrer Kampagne „Becherheld – Mehrweg to go“ unterstützt die DUH das Vorhaben.

Ende Januar verbuchte die Deutsche Umwelthilfe in der Sache einen Teilerfolg: Ein Antrag zur Einführung von Mehrweg-Bechern geht in Berlin auf Landesebene in die Beratung, um anschließend vom Abgeordnetenhaus verabschiedet zu werden. Neben einem wiederbefüllbaren Becher ist ein Rabatt auf den Kaffee von 20 Cent geplant.

Schon seit Jahren gibt es diesen Anreiz bei Starbucks. Im Rahmen der Bring-Your-Own-Tumbler-Aktion gewährt der Coffee-House-Betreiber einen Nachlass von 30 Cent, wenn der Gast sein eigenes Trinkgefäß dabei hat. Oder die Kunden erwerben ein Merchandising-Produkt mit dem Starbucks-Logo. Der Thermobecher ist dann zugleich Werbeträger für die Kaffee-Kultmarke – ein Effekt, der bei einem Poolsystem allerdings verloren ginge.

Thomas Fischer, Leiter Kreislaufwirtschaft bei der DUH, sieht Coffee-to-go-Anbieter im Zugzwang. Der Senat werde wahrscheinlich prüfen lassen, ob Mehrweg bindend vorgeschrieben werden kann. Außerdem gibt es noch das Druckmittel Verbrauchersteuer. Auf Landeseben ist es nämlich möglich, diese auf Einweg zu erheben. Da sei ein Poolsystem und Mehrweg sicher die verträglichere Alternative.

Einige Vorreiter gibt es bereits, die Mehrweg in einer Art Selbstverpflichtung umsetzen. In Hamburg hat zum Beispiel Kaffeeimporteur El Rojito den Einweg-Bechern den Kampf angesagt. Mehrere Cafés haben sich dem Pojekt Refill it! angeschlossen. Für 1,50 Euro Pfand leiht sich der Gast das Trinkgefäß aus. In Rosenheim hatten zwei Studenten im Herbst 2016 den ReCup getestet und spontan 23 teilnehmende Partner gefunden. Ihr Service: Sie bieten gleich noch eine App an, die zur nächsten Rückgabe-Station leitet. Nahezu zur gleichen Zeit startete in Berlin-Neukölln das Pilotprojekt „Boodha - Just swap it“. Die Rückgabe war in diversen Cafés möglich. Jetzt werden die Ergebnisse ausgewertet.

Für ein reibungslos laufendes Poolsystem spricht einerseits die Dichte der beteiligten Partner, andererseits die Höhe des Pfandentgeltes. 1 bis 1,50 Euro halten Experten für realistisch. Ist das Pfand höher, sinkt das Interesse. Ist es niedriger als der Wert der Tassen, wird die Schwundrate entsprechend hoch ausfallen, und das System wäre ein überflüssiges Investment. Empfehlenswert sind funktionelle Becher, die robust, spülmaschinengeeignet und nicht zu kostspielig sind.

Dennoch, so sinnvoll wie Pfandsysteme für Coffee-to-go-Becher sind und regional mit Sicherheit viel bewirken, ganz wird man auf die Papp-Kameraden nicht verzichten können. Autobahnrasthöfe oder die C-Stores an Bahnhöfen bzw. Flughäfen werden auch jene Kunden bedienen müssen, die keine Gelegenheit haben, die gebrauchten Becher gegen gezahltes Pfand unterwegs einzutauschen. Bedenken kommen unter anderem von den Lebensmittelüberwachungen. Sie sehen im Mehrweg einen Verstoß gegen die Hygienevorschriften. Nicht alle haben das gleiche Verständnis für Sauberkeit, ordentliche Lagerung und Transport. Die Gefahr von Kreuzkontaminationen steige.

Das hessische Umweltministerium will darum mit Handlungsempfehlungen Abhilfe schaffen – ein Mehr-Punkte-Programm. Es beginnt mit dem Ratschlag für einen geeigneten Standort der Kaffeeautomaten, reicht über die Empfehlungen, wie direkter Kontakt mit Automaten vermieden wird (indem etwa der Kaffee zunächst in ein geeignetes Gefäß und dann umgefüllt wird oder Becherhalter verwendet werden) bis hin zur Dokumentation der Arbeitsabläufe. Wie praktikabel das dauerhaft sein wird, muss sich noch zeigen.